Zeitung Heute : Mittler zwischen den Sprachen

Dolmetscher müssen nicht nur verstehen was gesprochen wird, sondern auch wovon die Rede ist

Silke Zorn

Katrin Liebscher ist gerade auf dem Flughafen als das Handy klingelt und sie mit neugierigen Fragen über ihren Beruf bombardiert wird. Auf Reisen ist sie ausnahmsweise mal privat. Denn meistens tummelt sich die Berlinerin als Konferenzdolmetscherin auf Kongressen, Tagungen oder Pressekonferenzen. Die Arbeit erfordert neben Sprachfertigkeit, starken Nerven und Fingerspitzengefühl auch fundierte Fachkenntnisse aus den Sachgebieten, in denen man tätig ist – und das muss ständig auf den neuesten Stand gebracht werden.

„Weiterbildung ist unerlässlich“, sagt Antje Kopp, Vizepräsidentin des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ). „Das gilt umso mehr, weil die meisten Dolmetscher und Übersetzer freiberuflich tätig sind, Angestelltenverhältnisse sind selten.“ Dennoch: Der Bedarf an sprachkundigen Mittlern ist groß: Man braucht sie in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung. Sie übersetzen Betriebsanleitungen, medizinische Gutachten oder Verträge, dolmetschen bei Staatsbesuchen oder vor Gericht. Die Ausbildung erfolgt an Fachakademien, Fachhochschulen oder Universitäten. Für die Weiterbildung während des Berufslebens ist jeder selbst verantwortlich.

Der BDÜ beispielsweise bietet deutschlandweit zahlreiche Seminaren an. „Eine wichtige Gruppe sind dabei Kurse, die die Unternehmerfähigkeit schulen“, sagt Antje Kopp und zählt auf, womit man sich als Freiberufler zwangsläufig herumschlagen muss: „Buchführung, Steuern, Büroorganisation, aber auch Zeitplanung, Marketing und Selbstmanagement.“ Außerdem gibt es Seminare zu Stimm- und Sprechtraining oder zum Umgang mit spezieller Übersetzer-Software, so genannten Translations-Memory-Systemen.

„Ebenso wichtig ist aber die Vertiefung von Fachkenntnissen“, weiß BDÜ-Vizepräsidentin Kopp. „Denn die Bandbreite der Branchen und Sachgebiete, in denen Dolmetscher und Übersetzer arbeiten, ist riesig.“ Das gehe von Medizin und Technik über Urkundenübersetzung bis zum Gerichtsdolmetschen. „Wer hier in der Fachsprache unsicher ist oder neue Entwicklungen verpasst, hat ein Problem.“

Aus diesem Grund hält die Expertin eine Spezialisierung auf bestimmte Fachgebiete für sehr sinnvoll: „Die Zeiten der Allgemeinübersetzer sind vorbei.“ Wer sich in der Praxis über Wasser halten will, darf allerdings auch nicht allzu wählerisch sein, weiß Diplom-Dolmetscherin und -Übersetzerin Katrin Liebscher. Die Spezialgebiete ihres Übersetzungsbüros „communika“ reichen von Medizin und Pharmazie über Wirtschaft und Umwelt bis hin zu Geisteswissenschaften und Politik. „Gerade als Dolmetscher ist man sehr von Messe- und Tagungszeiten abhängig und sollte deshalb versuchen, sich ein breites Kundenspektrum zu erschließen.“ Anders könne das bei Übersetzern aussehen, die regelmäßige Aufträge von ein und demselben Kunden bekommen. „Da ist es schon praktisch, wenn man nicht erst stundenlang recherchieren muss, bevor man anfangen kann.“ Um in ihren Spezialgebieten auf dem Laufenden zu bleiben liest sie viel, verfolgt Radio, Fernsehen und Fachpresse. „Die beste Weiterbildung ist für mich außerdem die Arbeit selbst“, sagt Liebscher, „zum Beispiel die intensive Vorbereitung auf einen Fachkongress, bei dem ich dolmetsche.“

Großen Bedarf sieht Antje Kopp vom BDÜ auch in der Justiz. Hier würden Übersetzer für Verträge ebenso gebraucht wie Gerichts- oder Notariatsdolmetscher. Der BDÜ-Landesverband Nordrhein-Westfalen veranstaltet deshalb jährlich eine „Summer School Rechtssprache“. Auch Fachleute für „exotischere“ Sprachen werden gebraucht; als aktuelle Beispiele nennt Antje Kopp etwa Griechisch, Rumänisch, Bulgarisch oder Türkisch.

Wer ohne klassische Ausbildung als Quereinsteiger in der Branche Fuß fassen möchte, sollte auf jeden Fall eine staatliche Prüfung ablegen. „Dolmetscher kann sich zwar jeder nennen. Wir halten den Nachweis einer fachlichen Qualifikation aber für ganz wichtig“, sagt Antje Kopp. Möglich ist eine solche Prüfung bei den staatlichen Prüfungsämtern für Übersetzer, die es in den meisten Bundesländern gibt. Auch die Industrie- und Handelskammern prüfen. „Hier beschränkt man sich allerdings noch sehr auf den Bereich Wirtschaftsübersetzung“, so die Expertin. Es werde aber bereits daran gearbeitet, die Anforderungen dem Niveau der staatlichen Prüfung anzupassen.

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