Zeitung Heute : Mittvierziger mit Schlafstörungen

Der Tagesspiegel

Von Hella Kaiser

Ein Krimi ist das ideale Mitbringsel für einen Patienten im Krankenhaus. Lenkt schön ab und bringt, weil der arme Mensch ja im Bett liegen muss, wenigstens die grauen Zellen auf Trab. Aber, Achtung: Verschenken Sie bei so einem Besuch keinesfalls den Titel „Die russische Spende“. Denn darin führt Christoph Spielberg gruselig vor, was sich am Arbeitsplatz der Weißkittel so ereignen könnte. Alles Fiktion, natürlich. Aber weil der Autor Facharzt für Innere Medizin ist, wird einem beim Lesen eben doch angst und bange.

Dabei würden wir uns dem Helden Dr. Felix Hoffmann durchaus anvertrauen. Der Stationsarzt klagt zwar über schlechte Bezahlung und viele Ü berstunden, scheint seinen Job im Übrigen aber ordentlich zu machen. Bei Mischa, einem vom Notarztwagen angekarrten Ukrainer, aber kann auch Hoffmann nichts mehr tun. Der Mann ist quittegelb – und mausetot. Vor nicht allzulanger Zeit war Mischa noch Patient des redlichen Doktors, und sein Blut hatte keinerlei Anzeichen einer Hepatitis gezeigt. Was war mit dem Mann in der Zwischenzeit geschehen?

Falsche Blutkonserven

Hoffmann ordnet eine Sektion an, doch die findet – sein entsprechender Anweisungsschein verschwindet – nicht statt. Der Arzt forscht nach und fördert eine Menge Ungereimtheiten zu Tage. Kräftig unterstützt von seiner Freundin Celine, die vom Computerspezialisten bis zur Steuerexpertin eine Reihe von Bekannten hat, die ins Detektivspiel eingebunden werden. Vor allem geht es um falsch deklarierte Blutkonserven, mit denen die Klinik lukrative Geschäfte macht. Hat sich Mischa seine tödliche Gelbsucht etwa durch infiziertes Spenderblut geholt?

Der tote Ukrainer gerät schnell aus dem Blickfeld, weil es eine andere Leiche gibt. Der Verwaltungsdirektor, dessen Spekulationen mit Klinikgeldern Hoffmann bereits auf der Spur war, wird erhängt aufgefunden.

Waren ihm die heiklen Finanzgeschäfte über den Kopf gewachsen? Fragen über Fragen, die Hoffmann mit seiner Expertencrew beantworten will. Sie grübeln beim Edelitaliener Luigi (ohne Adressenangabe) oder im „ Bouvril“ am Kurfürstendamm. Da gibt es zwar nur ein Restaurant namens Bovril, aber das Hotel „Zum grünen Strand der Spree“ in Schlepzig, wo Felix und Celine gern ausspannen, heißt wirklich so.

Viel Zeit fürs Verschnaufen, gern auch im Strandbad Wannsee, bleibt der Spürnase Hoffmann nicht. So verzwickt ist die ganze Sache, dass er oder seine Mitstreiter zwischendurch immer mal wieder kleine Zusammenfassungen liefern. Das ist auch deshalb hilfreich, weil man wegen der vielen verschwatzten Details über das Privatleben des Dr. Hoffmann leicht die Konzentration verliert. Der Mittvierziger mit Schlafstörungen, Uralt-Golf und einem Faible für junge Mädchen setzt sich so penetrant als Charmeur in Szene, dass man sich höchstens fragt, was Celine an ihm findet.

Warum Dr. Hoffmann am Ende seiner Geldwäsche-Recherchen zumindest eine gute Partie wäre, darf natürlich nicht verraten werden. Nach der Lektüre bleibt ein mulmiges Gefühl zurück. An der Mafia, die doch recht holzschnittartig vorgegangen ist, liegt das nicht. Viel eher fürchtet man im Krankenhaus in die Fänge eines übereifrigen „AIPlers“ (Arzt im Praktikum) zu geraten oder just dann eingeliefert zu werden, wenn „die Taktfrequenz für das Patientenfließband“ mal wieder erhöht wurde.

Christoph Spielberg: Die russische Spende, Piper Verlag, München, Zürich, 2001, 316 Seiten, 8,90 Euro.

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