Zeitung Heute : Moabit bleibt Moabit: Seit der Bezirksfusion gehört Tiergarten zum Regierungsbezirk Mitte

Harald Olkus

Der Bezirk Tiergarten ist zwar seit Jahresbeginn im neuen Regierungsbezirk Mitte aufgegangen. Allein wegen der Namensänderung wird der alte Arbeiterbezirk Moabit aber nicht gleich von Investoren gestürmt. Als Vorbild gilt das Spreeufer im Süden des Bezirks. Hier kommt Moabit tatsächlich den Vorstellungen von Mitte am nächsten: Im gläsernen Neubau des "Spree Bogens" auf dem Gelände der alten Meierei von "Bimmel-Bolle" ist ein Teil des Innenministeriums der Bundesregierung eingezogen. In den Nachbargebäuden an der Kirchstraße residiert ein Teil der Berliner Justiz; im "Haus am Wasser" hatte sich bis zum vergangenen Monat vorübergehend die Schweizer Botschaft niedergelassen. Und das denkmalgeschützte Backsteingebäude der alten Meierei schließlich ist saniert und zu Restaurants, Arztpraxen und Büros ausgebaut worden.

Zusammen mit dem benachbarten Technologiepark "Focus Teleport" hat dieser Teil von Moabit bereits den von der Berliner Landespolitik angestrebten Wandel zu Dienstleistungsmetropole, Regierungssitz und Standort für Zukunftstechnologien vollzogen. In der Turmstraße, der wichtigsten Einkaufsstraße Moabits, ist von der neuen Mitte jedoch noch nichts zu spüren. "Hier wäre ein neuer Impuls dringend notwendig", sagt Stephan Grupe von der auf Einzelhandelsflächen spezialisierten Grupe-Immobilien. Während der Abschnitt von der Strom- bis zur Jonasstraße von Kunden gut frequentiert und auch die Ladenflächen von Filialisten rege nachgefragt würden, sei der Abschnitt zwischen Bremer- und Gotzkowskystraße von hoher Fluktuation der Ladenmieter und steigenden Leerstandsquoten gekennzeichnet.

Viele Ladenmieter können ihre Mieten nicht mehr erwirtschaften und müssen aufgeben. Sie machen Platz für Discounter, Handy- und Schnäppchenläden. Die Geschäfte westlich der Gotzkowskystraße schließlich haben nur noch Nahversorgungscharakter, sagt Grupe. Wer in Moabit wohnt, gehe zum Einkaufen in die Wilmersdorfer- oder in die Müllerstraße. Damit sich die Situation in der Turmstraße ändert, müsste investiert werden, meint Grupe. Entweder müsse Karstadt die Filiale zu einem "zeitgemäßen Kaufhaus" umbauen und damit wieder einen Anziehungspunkt schaffen. Oder ein Projektentwickler müsse dort einen neuen Einzelhandelsstandort aufbauen. Die Nachfrage von Filialisten sei da.

Ein lange leer stehendes und bereits einsturzgefährdetes Sorgenkind des Bezirks hat dagegen einen neuen Nutzer gefunden. Der vom Bodensee stammende Projektentwickler Martin Halder will im dreischiffigen, 120 Meter langen und bis zu zehn Meter hohen, ehemaligen Straßenbahndepot der BVG an der Wiebe- / Ecke Sickingenstraße, ein Zentrum für Oldtimer-Fans eröffnen. Unter dem Titel "Meilenwerk - Forum für Fahrkultur", sollen unter den gläsernen Oberlichtern Auto- und Motorradwerkstätten, Service- und Ersatzteilhändler, Klubs, Kneipen, ein Kino und eine Veranstaltungsfläche eröffnet werden. Wann mit dem 15 Millionen Mark teuren Umbau der denkmalgeschützten Hallen begonnen wird, soll in den nächsten Wochen entschieden werden.

Immer noch schleppend läuft die Entwicklung des als "Block 9" bezeichneten Gewerbegebiets entlang der Quitzowstraße. Vor fünf Jahren hat die Eigentümerin Deutsche Bahn AG ihre Tochtergesellschaft Eisenbahn Immobilien Management GmbH (EIM) damit beauftragt, das Areal zu verkaufen. Mittlerweile hat sich die EIM in Vivico Real Estate umbenannt. Sie will das Immobilien-Portfolio der Deutschen Bahn vermarkten und sich langfristig zum Privatunternehmen umwandeln.

Das Gelände soll aufgewertet und zu einem zeitgemäßen Gewerbegebiet ausgebaut werden. Nach einem Nutzungs- und Strukturkonzept der Berliner Landesentwicklungsgesellschaft (Bleg) war geplant, im Block 9 ein aus mehreren Modulen aufgebautes Modell zu verwirklichen, das allerdings eine komplette Beräumung des Areals zur Bedingung hat. An der Perleberger Brücke sieht die Planung eine themenbezogene Nutzung rund ums Auto vor mit Autohäusern, einer Tankstelle sowie einem Hotel und Büros. Im benachbarten Modul sollen die bisherigen Pächter Gewerbereihenhäuser erwerben können, nebenan ist die Errichtung eines Gewerbeparks auf Pachtbasis beabsichtigt. Der dritte Abschnitt soll auf den Güterbahnhof am Westhafen ausgerichtet sein.

Auf Druck von Bezirk und Senat hat sich die EIM allerdings darauf verständigt, das Gebiet nicht einfach an den Meistbietenden zu veräußern, sondern die Interessen der Pächter zu berücksichtigen. Ein "integriertes Standortmanagement" von der Stattwerke Consult und der S.t.e.r.n. Gesellschaft für behutsame Stadterneuerung hatte zum Ziel, die ansässigen Unternehmen möglichst zu integrieren. Sie sollten vorrangig berücksichtigt werden. "Ich habe mein Angebot schon im Juni vergangenen Jahres abgegeben, seither aber nichts mehr gehört", sagt Hans Sagmeister, Inhaber eines Renault-Autohauses im Block 9, jedoch. "Das ist sehr lästig", klagt er. "Denn ich kann nicht mehr planen." Nicht einmal Auszubildende einstellen könne er, schon das sei zu langfristig.

Pächter im mittleren Bereich des Block 9 hätten bereits Zusagen erhalten, Flächen für 400 Mark pro Quadratmeter kaufen zu können. Wie Sagmeister wollten die meisten ansässigen Gewerbebetriebe an der Quitzowstraße bleiben. Moabit bleibt wohl zumindest vorerst doch Moabit.

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