Zeitung Heute : Moabit statt Marbella

Der Tagesspiegel

Von Barbara Junge

Im zweiten Anlauf hat sich die Berliner Staatsanwaltschaft durchgesetzt. Diesmal bleiben die Aubis-Manager Klaus Wienhold und Christian Neuling vorerst in Haft. Nachdem beide in der vergangenen Woche schon einmal verhaftet und anschließend wieder freigelassen worden waren, sitzen die Symbolfiguren der Berliner Banken- und Spendenaffäre jetzt in Untersuchungshaft in Moabit.

Wienhold hat bereits am Tag seiner erneuten Verhaftung, am Mittwoch, einen Haftprüfungsantrag gestellt. Direkt nach der Verkündung der Haft und formlos. Der Antrag jedoch muss nun erst vom zuständigen Richter geprüft werden, wofür eine Frist von längstens 14 Tagen festgelegt ist. Dann muss ein Haftprüfungstermin anberaumt werden. Von Neuling lag dem Richter zumindest am Donnerstagnachmittag noch kein prüffertiger Antrag vor. Die Anwälte der beiden wollten sich gestern nicht zu weiteren juristischen Schritten gegen die Inhaftierung ihrer Mandanten äußern.

Die Vorwürfe der Ermittler gegen Wienhold und Neuling wiegen schwer: versuchter Betrug und schwerer Betrug. Sollten diese Vorwürfe zu einer Anklage führen, droht ein Strafmaß von bis zu zehn Jahren. Da die Beschuldigten jetzt in Untersuchungshaft sitzen, muss die Staatsanwaltschaft binnen sechs Monaten Anklage erheben – oder Wienhold und Neuling wieder entlassen. Es wird wohl eine Anklage erhoben, die über die jetzigen Vorwürfe deutlich hinausgeht.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Aubis-Managern vor, bei der Lieferung von Heizenergie an ostdeutsche Plattenbauten durch den Wärmelieferanten Elpag in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben. Wienhold und Neuling werden jedoch auch von der Staatsanwaltschaft als Schlüsselfiguren der Bankenaffäre betrachtet. Die Ermittler untersuchen auch, inwieweit Kredite der Bankgesellschaft veruntreut wurden. Hier schauen die Ermittler interessiert, ob der neue Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses weitere Details ans Licht bringen kann. Zudem laufen gegen Wienhold und Neuling noch Ermittlungen wegen zu hoch versicherter Gebäude – auch aus diesen Verträgen sollen sie profitiert haben.

Das in einem Prozess zu erwartende Strafmaß wie auch die Möglichkeit, vor Prozessbeginn gegen Auflagen entlassen zu werden, hängt unter anderem davon ab, ob Wienhold und Neuling ein Geständnis ablegen. Doch geht die Staatsanwaltschaft davon aus, die beiden könnten fliehen wollen. Bei Wienhold und Neuling vermuten die Ermittler ein erhebliches Vermögen – im Ausland. Die finanziellen Mittel sich abzusetzen hätten die Geschäftsmänner. Auch eine Villa im spanischen Marbella soll zum verzweigten Immobiliennetz gehören. Die mögliche Fluchtgefahr führte zur erneuten Verhaftung der beiden am Mittwoch in ihrem Büro in der Lindenallee. Und zwar mit demselben Haftbefehl, der bereits in der vergangenen Woche ausgestellt worden war. Da hatte der zuständige Richter am Amtsgericht Tiergarten, Karsten Ziegler, den Haftbefehl auf Antrag der Staatsanwaltschaft ausgestellt, diesen jedoch wieder aufgehoben, nachdem er Wienhold angehört hatte. Der Leiter der Sonderermittlungsgruppe, Hans-Jürgen Dorsch, war bei diesem Anhörungstermin nicht anwesend. Das hatte Folgen für ihn: Er wurde als Chef der Sonderermittlungsgruppe abgelöst.

Die Staatsanwaltschaft hatte gegen die Aufhebung des Haftbefehls beim Landgericht Beschwerde eingelegt – und Recht bekommen. Der Haftbefehl wurde wieder in Kraft gesetzt. Am Mittwoch führten die Ermittler Wienhold und Neuling erneut dem Amtsgericht vor. Entschieden, dass die beiden in Haft bleiben, hat diesmal Richter Klaus-Peter Jürcke und nicht der nach dem Geschäftsverteilungsplan zuständige Richter Karsten Ziegler. Der hatte einen Termin außer Haus. Zustä ndig bleibt Ziegler aber dennoch. Er ist derjenige, der über den Haftprüfungsantrag befinden muss.

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