Zeitung Heute : Mobben – leicht gemacht

Schikane in Unternehmen ist in: Nie gab es so viele Ratgeber zu dem Thema. Auch Rechtsanwälte haben die Marktlücke entdeckt

Jenni Roth

Mobben ist in. Was früher Schikane hieß, hat unter dem Begriff Mobbing Konjunktur. Von dem wachsenden Geschäft profitiert beispielsweise der Online-Buchhandel Amazon: 193 deutsche Titel versprechen Rat. Für jeden ist etwas zu finden. Längst ist auch schon die Rede von Bossing“ (wie man den Chef wegbeißt) oder von „Bullying“ (Nickeligkeiten auf dem Schulhof), um nur zwei Varianten des gleichen Themas zu nennen.

Dieser Boom ruft auch Zyniker auf den Plan. Sie haben die Zutaten für einen gediegenen Mobbing–Mix zusammengestellt. Man nehme: Ein Pfund Ohnmacht, eine Prise Respektlosigkeit, ein Gefühl von seelischer Schwäche und lasse das Ganze in Selbstmitleid garen. Genaue Anweisungen, wie dieser Zustand herbeizuführen ist, sind in Ratgebern zu finden – „Ich mobbe gern“, heißt einer davon.

Doch Zyniker machen es sich zu leicht. Das glaubt jedenfalls Holger Wyrwa, Autor von „Mobbt die Mobber“. Er meint, dass die wachsende Zahl der Ratgeber nur den zunehmenden Bedarf unter Hilfesuchenden deckt. Denn immer mehr Menschen grenzten immer öfter andere aus: „Die Arbeitswelt wird brutaler wegen des Kampfes um Ressourcen“, sagt Wyrwa. Das erzeuge Stress und Druck, bis sich die Kollegen schließlich aufeinander stürzten, während Führungskräfte ohne soziale Kompetenz hilflos zusähen.

Beate Beermann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) bezweifelt, dass immer häufiger gemobbt wird. Doch auch sie bemängelt, dass Ärger und Stress Defizite bei betrieblichen Strukturen fördern: „Oft sind Zuständigkeiten nicht geregelt. Das Konfliktmanagement ist schlecht. Und Gesundheitsförderung kein Thema.“ Dabei sei erwiesen, dass die Fehlzeiten höher sind, wenn Führungskräfte ihre Mitarbeiter vernachlässigen. Einige Unternehmen, der Autokonzern VW zum Beispiel, haben deshalb umgesteuert. Dort muss jeder Mitarbeiter eine Mobbing-Richtlinie unterzeichnen. Berechnungen der BAUA haben ergeben, dass durch Mobber 3,1 Prozent der Arbeitszeit verloren gehen. Ein gutes Arbeitsklima dagegen verbessere die Motivation und steigere so die Produktivität.

Vorbeugende Maßnahmen schonen außerdem das Firmenkonto. Denn Mobbingopfer klagen einstweilen vor Gericht auf Schmerzensgeld oder Schadenersatz. Das kann Firmen teuer zu stehen kommen. Möglich werden solche Urteile mit Hilfe von Fachanwälten für Arbeitsrecht, die sich der Mobbingopfer annehmen. „Immer mehr Mandanten kommen wegen Mobbing zu mir“, sagt Erika Schreiber. Die Berliner Rechtsanwältin empfiehlt, ein Mobbing-Tagebuch zu führen und Zeugenaussagen zu sammeln.

Allerdings gibt auch Schreiber zu bedenken, dass eine Kündigung des Arbeitsverhältnisses unter Umständen ratsam sein kann. Mobbing sei schwer zu beweisen. Meist würden Konflikte deshalb mit Vergleichen oder außergerichtlich gelöst. Immerhin habe das Arbeitsgericht Thüringen mit einer Definition von „Mobbing“ etwas mehr Rechtssicherheit geschaffen. Von fortgesetzten schikanierenden und diskriminierenden Verhaltensweisen ist da die Rede. „Typische Mobbingopfer“ seien weiblich und entweder jünger als 25 oder älter als 50 Jahre. Der typische Mobber entpuppe sich meist als männlicher Kollege fortgeschrittenen Alters – oft ein Vorgesetzter. Brisant wird es, wenn das Mobbing System hat und von der Chefetage ausgeht. Dies kann der Fall sein, wenn ein Mitarbeiter etwa aus Kostengründen aus der Firma gedrängt werden soll. „Man hofft auf eine Kündigung des Betroffenen, weil man dadurch Abfindungen sparen kann“, sagt Ratgeberautor Wyrwa. Die Kehrseite dieser Strategie: Andere Mitarbeiter, die der Betrieb halten will, schreckt ein solches Klima der Unsicherheit ab.

Dass Mobbing in aller Munde ist, fördert aber auch den Missbrauch. Manch älterer Mitarbeiter täuscht kurz vor dem Ruhestand Mobbing vor, um über die Altersgrenze hinaus an ihrem Arbeitsplatz festzuhalten, meint Beermann. Andere wiederum gefallen sich in der Opferrolle. Auch das bekommt dem Arbeitsklima nicht. Und es verhindert, dass „Täter“ und „Opfer“ ihr Verhalten selbstkritisch überdenken.

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