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Kredit beantragen, Flug buchen: Wie der digitale Personalausweis den Alltag vereinfachen soll

Daniel Kastner
Verwirrung am Schalter. Alte Frau oder junge Frau? Cartoon: Katharina Greve
Verwirrung am Schalter. Alte Frau oder junge Frau? Cartoon: Katharina Greve

Im November kommt der neue, digitale Personalausweis. Der soll, natürlich, mehr können als die analoge Version, die die Deutschen bislang in der Tasche tragen – also nicht nur Daten wie Alter, Adresse und Gesichtsform seines Besitzers auf einem Chip speichern, sondern mittels einer mitgelieferten sechsstelligen PIN auch wie eine gültige Unterschrift funktionieren. Verträge sollen sich auf diese Weise online abschließen, Anträge bei Behörden via Internet stellen lassen. Die verschlüsselten Informationen werden mit einer Nahfunk-Technik von speziellen Lesegeräten abgerufen. So plant es das Bundesinnenministerium.

Doch der Ausweis soll noch ganz andere Dinge können, nämlich als Schlüssel zur individuellen Datensammlung jedes Nutzers fungieren: von der Schufa-Auskunft bis zum Führungszeugnis. „Der Nutzer wird dabei die volle Kontrolle über die Daten behalten, die er abruft und preisgibt“, sagt Stephan Humer, der am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin Einsatzszenarien für den Ausweis entwirft. „Sozial-technisches Identitätsmanagement“ nennt er seinen Forschungsgegenstand.

Vor allem in Situationen, für die viele Unterlagen erforderlich sind, kann sich Humer den digitalen Personalausweis als gute Hilfe vorstellen. Etwa, wenn man einen Kredit beantragt oder einen Flug bucht, wenn man sich bewirbt oder eine neue Wohnung sucht. Humer schwebt vor, dass sich alle Daten wie Schufa-Auskunft, Mietschuldenfreiheit, Führungszeugnis oder Arbeitszeugnisse an einem zentralen Ort speichern lassen. Der Nutzer könnte diesen Ort ansteuern, sich mit der PIN identifizieren und Sachbearbeitern, Bankangestellten und Vermietern genau die benötigten Dokumente zukommen lassen.

Was einerseits so praktisch klingt, befeuert andererseits die Sorgen von Datenschützern, die schon Onlinefotos ihrer Hausfassaden für eine Verletzung ihrer Privatsphäre halten. Auch deshalb sollen die Daten nicht auf dem Ausweis direkt gespeichert werden. „Der Ausweis selbst ist austauschbar“, erklärt Humer. Damit nicht am Ende der gläserne Bürger steht, sei der Berliner Datenschutzbeauftragte von Anfang an in die Entwicklung einbezogen worden – „und nicht nur als Feigenblatt“, wie der TU-Wissenschaftler versichert.

Ein bisschen bedauert es Stephan Humer, dass bis jetzt so wenige Leute über den digitalen Personalausweis Bescheid wissen. „Dabei wird er das Leben der meisten Menschen stark verändern.“ Daniel Kastner

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