Mode : Das Armloch als Berufung

Regent ist ein Exot: Der Betrieb für Maßkonfektion stellt all seine Anzüge noch in Deutschland her. Inzwischen wissen die Kunden das "Handmade in Germany" zu schätzen.

Grit Thönnissen
Regent
Innenleben. So sieht ein Jackett ohne Oberstoff, aber mit handpikierter Einlage aus. -Foto: Promo

Detlev Diehm lässt es sich nicht nehmen, seine Gäste vom Weißenburger Bahnhof abzuholen. Wie in jeder Kleinstadt liegt der Bahnhof am Rand der Stadt, näher am Industriegebiet als am mittelalterlichen Rathaus. Aber hier, in der mittelfränkischen Provinz, geht sowieso keiner zu Fuß. Mit seinem weißen BMW, der in aller Welt für solide deutsche Ingenieurtechnik steht, fährt der gelernte Herrenschneider jeden Tag zu seinem Arbeitsplatz. Herr Diehm ist Chefdesigner beim Maßkonfektionsbetrieb Regent. Hier werden Anzüge hergestellt.

In der Produktion beginnt der Tag pünktlich um sieben, um zwölf erinnert eine Sirene an die Mittagspause und um 16 Uhr ertönt sie noch einmal zum Feierabend – fünf Minuten später ist nur noch der Saalmeister Klaus Rixner über einen halbfertigen Anzug gebeugt, er kontrolliert hier ein Armloch, misst dort eine Paspeltasche. Jetzt, da keine Nähmaschine mehr rattert, hört man das leise Zischen der Dampfanlage – bis so ein Anzug fertig ist, wird viel gebügelt.

Wäre der Betrieb nicht so lebendig, man müsste ihn unter Artenschutz stellen und seine 103 Mitarbeiter gleich mit. Hier in dem Zweckbau, der aussieht wie eine langgezogene Schachtel, wird deutsche Wertarbeit abgeliefert. Inzwischen weiß man bei Regent, dass sie etwas Besonderes ist. Gerade haben sie ihre Etiketten verändert. Jetzt steht „Handtailored by Regent“ darauf und darunter „Handmade in Germany“. Hier kann sich jede deutsche Mittelstandsvereinigung wehmütig daran erinnern, wie es in den goldenen Zeiten in Deutschland zuging, als Menschen ihr Geld damit verdienten, etwas herzustellen.

Zum Beispiel Knopflöcher – 12 Minuten braucht die Mitarbeiterin, um eins zu sticken, und schon die Tatsache, dass das in Deutschland passiert, macht das Knopfloch zu einem Luxusobjekt. Vor zwanzig Jahren gab es mehr als zehn Textilbetriebe mit mehreren tausend Mitarbeitern in Weißenburg, 500 allein bei Regent. All die mittelständischen Betriebe, die ihre Kleider bei mittelgroßen Einzelhändlern, Ketten wie Hettlage und Ebbinghaus, verkauften, und die Kunden, die mit der soliden Qualität, den nicht gerade schicken, dafür langlebigen Kleidern zufrieden und bereit waren, dafür einen mittleren Preis zu bezahlen, gibt es nicht mehr – nicht die Hersteller, nicht die Händler, nicht die Kunden.

Bei Regent hat man sich für die Nische des Luxus entschieden: 50 Anzüge am Tag, keiner kostet weniger als 1500 Euro. Früher reichte es aus, die führenden Herrenausstatter der Bundesrepublik zu beliefern. Heute kann man Regent auch in New York, Dubai und Moskau kaufen. Diehm: „Wir haben Mehrarbeit vereinbart und wir könnten noch mehr Leute beschäftigen.“ Deshalb bildet Regent im Jahr fünf Lehrlinge aus.

Es gibt fünf Marken weltweit, die im Segment von Regent mitspielen, darunter die Nobelanzugmarken Kiton und Brioni aus Italien. Seitdem Regent von einem italienischen Familienbetrieb, dem Herrenausstatter Tombolini, übernommen wurde, ist die Firma noch deutscher geworden. „Die denken überhaupt nicht daran, den Standort aufzugeben“, sagt Diehm. Die Italiener schauen sich lieber an, wie die Deutschen nach den fünf Prozent jagen, die man an einem Jackett noch verbessern kann. „Das ideale Armloch ist komplett uferlos“, sagt Herr Diehm und klingt dabei kühl und gleichzeitig so voller Emotionen für sein Produkt, wie es wahrscheinlich nur ein deutscher Ingenieur vermag. Seit elf Jahren arbeitet der Herrenschneidermeister und Modedesigner an der Verkleinerung des Armloches: „Das sieht eleganter aus und fühlt sich besser an. Je größer das Armloch ist, desto mehr Stoff vom ganzen Anzug hebe ich hoch.“

Wenn das Armloch ein noch nicht gänzlich erforschter Planet ist - die perfekte Einlage ist ein ganzes Universum. Federleicht soll das sein, was unter die vorderen Schnittteile des Oberstoffes gelegt wird, um die Brust zu formen und dem Anzug so etwas von einer modernen Rüstung zu geben. In langen Regalen stapeln sich die Einlagen. Das Rosshaar, Camelhaar und der Wollstoff sind teils mit feinen, teils mit losen Stichen zusammengenäht, so dass die Einlage beweglich wie ein Mobile an der Hand des Chefs baumelt. Die Einlage macht den Unterschied zur Konfektionsware aus. Dort wird nicht pikiert, also mit losen Stichen die Einlage mit dem Oberstoff verbunden, sondern geklebt.

„Das ist wie mit einem Joghurtbecher, wenn der erst einmal seine Form hat, verändert sich da auch nichts mehr“, erklärt Herr Diehm den Unterschied. „Geklebt“ ist ein Wort, das er nur sehr ungern in den Mund nimmt. Er versäumt es nicht, dabei abschätzig zu schauen, nur ein wenig, immerhin ist man hier bei den Uniformmachern für Gentlemen und Herr Diehm weiß, was sich gehört.

Er stellt die Uniform für die „schweren Jungs“ her, wie er das nennt. Das heißt: Im Vorstand einer großen Firma hat jemand im Konfektionsanzug nichts zu suchen. Zu den schweren Jungs gehören traditionsgemäß auch die Politiker. Helmut Schmidt lässt sich seit Jahrzehnten seine blauen Dreiteiler bei Regent schneidern – immer die gleichen, in denen er seit Jahrzehnten immer gleich hanseatisch elegant aussieht. Auch Franz-Josef Strauß war ein Stammkunde. In letzter Zeit ist es komplizierter geworden mit den Politikern, erzählt Diehm. Seit Gerhard Schröder als „Brionikanzler“ erst in Modemagazinen geadelt und dann als zu schick, eitel und natürlich teuer gekleidet von Volkesstimme, angeführt von der „Bild“-Zeitung, verhöhnt wurde. Seitdem tun sich Politiker schwer damit, sichtbar gute Kleidung zu tragen. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber hat es nie in den fränkischen Musterbetrieb geschafft. Dafür gibt es andere schwere Jungs, deren Fotos bei Regent im Flur hängen: Richard von Weizsäcker, Wim Duisenberg, Roger Moore und der niederländische Prinz Willem Alexander.

Der Kunde von Regent wird Herrn Diehm nie persönlich kennenlernen, dafür aber seinen fahrenden Schneider, Jürgen Hoffeler. Der ist quer durch Europa unterwegs, um die Endverbraucher zu beraten. Der Kunde probiert einen Jackenrohling an, ohne Futter und Revers, die Ärmel sind nur eingeheftet. Dann müssen noch jede Menge Entscheidungen getroffen werden: wie viele Schlitze, Taschen, Knöpfe, welches Futter.

Lange sah es so aus, als sei auch Regent ein Kandidat für den Niedergang der deutschen Textilindustrie. Es war einfach zu gut gegangen: Von Henrik Barig und Dr. Michael Aisenstadt 1946 gegründet, sollten in der Modellfertigung ausschließlich die besten Hemden genäht werden. „Hemden sind das Einfachste, damit kann man besten anfangen“, erzählt Diehm. Ende der fünfziger Jahre setzten sich die Geschäftsführer neue Ziele: Sie wollten die leichtesten Anzüge produzieren. 600 Gramm wog damals ein Anzug pro Meter Stoff, Regent halbierte mit 300 Gramm pro Meter das Gewicht.

500 Mitarbeiter fertigten 300 Anzüge am Tag und fast alle wurden in Westdeutschland verkauft. Nicht besonders schick mussten sie sein, sondern Seriosität ausstrahlen und vor Wertarbeit strotzen. Im Internetforum für Herrenmode dailyshoes.de schwärmt ein Enkel vom Erbe seines Großvaters: einem Schrank voll mit Anzügen von Regent – alle in tadellosem Zustand.

Mit der Produktion kamen sie in Weißenburg gar nicht nach. Deshalb dachten die Herrn Barig und Aisenstadt nicht an Expansion ins Ausland. Das Glück verließ Regent Ende der achtziger Jahre. Die Märkte öffneten sich und plötzlich gab es endlos viele Alternativen zu Ware aus deutschen Mittelstandsbetrieben. Der Schwiegersohn von Michael Aisenstadt übernahm die Geschäftsführung. Da hatten die italienischen Modebetriebe schon längst den amerikanischen Markt mit ihren qualitätsvollen Anzügen erobert und dort genug Geld verdient, um sich auch auf dem deutschen zu versuchen. Regent konnte sich plötzlich nicht mehr auf all die örtlichen Honoratioren verlassen, die anfingen, ihre Anzüge ein bisschen länger aufzutragen und sich Neues von der Stange kauften.

Schließlich wurde die Firma 1990 an die Industriellenfamilie Quandt verkauft. Aber eine Unternehmensgruppe, die heute vor allem mit Akkus für Handys, Autos und Pharmaprodukten erfolgreich ist, tat sich schwer mit einem sperrigen, nicht wirklich rationalisierbaren Produkt wie dem Maßanzug. Glücklich war die Verbindung nie und sie wurde zehn Jahre später durch den Verkauf an Tombolini aus Urbisaglia bei Ancona gelöst. Der neue Besitzer weiß, dass Rationalisierung nichts bringt und freute sich über die vorhandene Infrastruktur. Es gibt hier eine Frau, die ausschließlich Knöpfe annäht. Sie schafft 30 Jacketts am Tag. „Wenn bei uns ein Knopf abfallen würde, wäre das ein Skandal“, sagt sie.

Im Lager liegen noch ein paar Überbleibsel aus der massenkompatiblen Vergangenheit, karierte Hemden mit Kurzarm, eingeschweißt in Plastik. Jetzt gibt es nur noch Hemden aus einem kleinen Betrieb in Neapel. Detlev Diehm macht einen der Kartons auf und betrachtet das zartblaue Leinenhemd mit den fingerdicken Perlmuttknöpfen, den von Hand eingenähten Ärmel und seufzt: „Ich bin ganz verknallt in diese Hemden.“ 300 Euro kostet eins, so viel wie ein Konfektionsanzug.

Manchmal wundert sich Herr Diehm, dass ausgerechnet Regent es geschafft hat, als deutscher Hersteller in der Maßkonfektion zu überleben. „Wir sind die Letzten und die Teuersten.“  

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