Mode : Explosion im Farbenkasten

Jetzt kommt in die Geschäfte, was im letzten Herbst über die Pariser Laufstege ging: Kleider mit Klecksen, Spritzern, Batik – und alles schön bunt.

Romy Uebel

„Wer wird beerdigt?“ – diese Frage stellt sich unwillkürlich, wer sich der typischen Modemeute gegenüber sieht. Redakteure, Einkäufer, Designer: Die Branche liebt Schwarz. Als Grace Coddington, Kreativdirektorin der amerikanischen Vogue, zu den Pariser Schauen im vergangenen Herbst in einem giftgrünen Kleid erschien, ging ein Raunen durch die Reihen. In einem Interview konstatierte sie anschließend: „Nach 20 Jahren Schwarz fand ich, es sei Zeit für Farbe.“

Die Granddame hatte recht. Die Laufstege wurden im Herbst 2007 regelrecht von Farben überschwemmt, der Sommer 2008 wird also bunt. Das französische Traditionshaus Lanvin führte den Trend an; zu Recht gilt die ihrige als eine der besten Kollektionen des Jahres. Chefdesigner Alber Elbaz schickte ein wahres Farbbataillion ins Rennen; zwischen Zitronengelb, Pink und Grasgrün war das Highlight das sonst wie ein Stiefkind behandelte Lila. Als Kontrapunkt zur Farbexplosion benutzte Elbaz reduzierte, elegante Schnittführungen und sanfte Drapierungen in fließenden Stoffen.

Ob die Omnipräsenz von Violett allein Lanvin zuzuschreiben ist, sei dahingestellt. Fest steht, dass sich in diesem Sommer alle von der Highfashion bis zu großen Bekleidungsketten auf Violett und ihre Schwestern Veilchen, Flieder, Mauve und Aubergine eingeschworen haben. Selbst einstige Farbmuffel wie der Avantgarde-Vorreiter Raf Simons ließen sich von brillanten Farben berauschen. Für Jil Sander setzte er Koralle neben Türkis und Dunkelblau neben Pink. Jean Paul Gaultier ließ sich für Hermès in Indien inspirieren und zeigte Masala-Rot und sanfte Curry-Töne.

Tusche- und Aquarellkästen dienten manchen Designern als Vorlagen für Farbverläufe, Kleckse und Spritzer, selbst Batikoptiken kommen, befreit vom Hippie-Image, zurück. Consuelo Castiglioni, verantwortlich für die Entwürfe des Unternehmens Marni, vermischte Blautöne mit Grün und Beige und verlieh ihnen durch technische Stoffe und schlichte T-Shirt-Schnitte eine moderne Optik. Miuccia Prada griff auf Märchenbuchillustrationen zurück und jagte Elfen, Nymphen und Feen über Organzaröcke und Seidentuniken.

Das Experiment mit der Farbe ist besonders für Firmen im gehobenen Segment ein Wagnis. Bei vierstelligen Preisen gehen die Designer lieber auf Nummer sicher. Grau, Schwarz und Beige verkaufen sich leichter, denn sie sind zeitlos, leicht kombinierbar und vielseitig einsetzbar. Labels wie Zara, H&M oder Mango dagegen zeigen Farbe regelmäßig und unbeschwert. Die Hemmschwelle der jungen Zielgruppe ist niedriger, man konsumiert unbekümmerter und trendorientiert – satt gesehen und abgetragen, landen die prägnanten Fähnchen nach einer Saison in der Flohmarktkiste.

Dass das Thema „Farbexplosion“ in diesem Jahr in allen Segmenten funktioniert, ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. Obwohl sie den neuesten Tendenzen oft skeptisch gegenüberstehen, bestücken selbst deutsche Marken wie Hugo Boss, René Lezard und Strenesse ihre Läden dieser Tage mit bunten Entwürfen, häufig allerdings als sanfte Pastelle umgesetzt. Und selbst die Skandinavier – sonst eher für Understatement bekannt – spielen mit. Die Kopenhagenerin Stine Goya fiel bei den Schauen durch ihren mutigen Mix von Knallfarben auf, Henrik Viskov bündelte Lila, Orange und Feuermelder-Rot in exzessiven Mustern.


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