Zeitung Heute : Mode in Flamen

Inge Ahrens

Der junge Mann legt Wert auf vornehme Blässe, doch Sonnentage sind ohnehin selten in Antwerpen. Oft leidet Dirk Schönberger unter dem Grau. Die Stadt wird ihm schnell zu eng. Immer mal wieder überlegt er, fortzuziehen.

Dirk Schönberger zieht Männer an: "Aus rein egoistischen Gründen." Der 35-Jährige im feinen, dunkelblauen Tuch und Nadelstreifenhosen hätte auch Musiker werden können oder Journalist. "Ich habe so viele Leidenschaften: Lesen, Musizieren und eben Entwerfen." Schon früh zerlegte er die abgelegten Anzüge von Vater und Großvater und nähte sie nach seinem Geschmack wieder zusammen. Von 1989 bis 1992 machte er eine Ausbildung zum Designer an der Modeschule Esmod in München. Nach seinem Abschluss schrieb er drei Bewerbungsbriefe: an "Comme des Garçons", Yohji Yamamoto und Dirk Bikkembergs in Antwerpen. Der war damals ein Geheimtipp in der Modeszene und ist inzwischen längst berühmt.

Bikkembergs führte Schönberger eineinhalb Jahre lang ins Geschäft ein. Anschließend zog der junge Kölner nach Paris, um Bikkembergs Kollektionen im dortigen Showroom zu verkaufen. Als die Zeit reif war, nahm ihn sein Chef an die Hand: "Jetzt kaufen wir mal Stoffe für dich!" und ließ ihn 1996 seine erste eigene Kollektion machen, 15 Teile nur. "Das war ein Desaster. Ich mit meinem England-Faible", sagt Schönberger. "Ich hatte so hohe Ansprüche. Ich wollte unbedingt auch dort fertigen lassen." Jetzt wird alles in Belgien genäht, und in Antwerpen ist auch der Sitz seiner Produktionsfirma.

Längst sind Schönbergers elegante Herrenkleider ein Renner und bei "Louis", einem der angesagtesten Antwerpener Läden, zu haben. Die Japaner lieben sie, vor allem aber die Amerikaner. Auf hundert Teile ist seine Kollektion angewachsen, sie wird in verschiedenen Stoffen genäht. Anzüge, Jacken, Hosen und Hemden und ein paar Shirts. Dunkelblau dominiert, auch Karos werden verarbeitet, Nadelstreifen, und die Hemden haben Biesen, sehen in Pfefferminz genauso schön aus wie blau-weiß gestreift. Understatement wird groß geschrieben bei Dirk Schönberger. Experimentelle Einsprengsel können vorkommen.

Auf den ersten Blick sehen seine Entwürfe geradezu normal aus - aber dann! Riesige Jacketts ironisieren die elegante Linie. Der Mittdreißiger erinnert sich und fertigt auch mal Übergrößen, sieht im fast knielangen Jackett wieder aus wie der kleine Dirk in Großvaters Jacke. "Die Nacht in meinen Augen hat kein Ende", tönt es deutschrockig durchs Atelier, während Schönberger unterm Glasdach an seinen Entwürfen arbeitet. In dieser Stimmung bahnt sich am ehesten etwas an, weiß der Grübler unter den jungen Designern.

"Es gibt kaum eine Stadt, wo Mode so ernst genommen wird wie in Antwerpen." Die Modemacher der 80er - Dries Van Noten, Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck und eben Dirk Bikkembergs - sind längst etabliert. Jetzt heimst die zweite Generation Erfolge ein: Véronique Branquino, Raf Simons, der gebürtige Ulmer Bernhard Willhelm; die dritte studiert noch an der Königlichen Akademie für Schöne Künste.

Mode ist Trumpf in Antwerpen. Und die Museen und Modegeschäfte der Hafenstadt ließen sich diesen Sommer für eine riesige Marketingaktion einspannen. "Mode 2001 Landed-Gelandet" hieß das Spektakel, Walter Van Beirendonck war der Zirkusdirektor. Und Dirk Schönberger war doch wieder froh, in Antwerpen zu sein und zu sehen, was die Flamen für einen modischen Boom verursacht haben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben