Zeitung Heute : Mode ist mehr!

Das Nachschlagewerk „Fashion Now“ gibt einen breiten Überblick über Nachwuchsdesigner und Altmeister

Cornelia Kubitz

Es war schon längst Zeit für ein Nachschlagewerk über aktuelle Modedesigner. Das Interesse an Mode scheint zu steigen; noch nie gab es so viele neue Namen wie heute. In ihrem Buch „Fashion Now" stellen Terry Jones, der Gründer des legendären britischen Modemagazins i-D, und seine Chefredakteurin Avril Mair 150 der gegenwärtig wichtigsten Modeschöpfer vor.

Um die Hierarchie des Erfolgs scheren sie sich dabei nicht. Rein alphabetisch werden die Modeschöpfer vorgestellt; große Namen, die für riesige Modeunternehmen stehen, wechseln sich ab mit Newcomern, die gerade ihre ersten bemerkenswerten Kollektionen vorgestellt haben.

Nach Jones’ und Mairs Modeverständnis zählt vor allem die Persönlichkeit des Designers, seine Vision, Begeisterung und Hingabe für seine Arbeit – nicht Verkaufszahlen oder der Ruf weltbekannter Marken. So findet man auch nicht den Namen Gucci im Alphabet, sondern nur den von Tom Ford, dem Creative Director der Firma, und nicht Jil Sander, sondern Milan Vukmirovic, der derzeit für das Design der Marke Jil Sander verantwortlich ist.

Das ist nur konsequent, denn in den letzten zehn Jahren machten vor allem die neuen Designer an der Spitze traditioneller Modehäuser wie John Galliano für Dior, Stella McCartney für Chloé und Nicolas Ghesquière für Balenciaga von sich reden. Sie entstaubten die alten Marken und retteten sie ins 21. Jahrhundert hinüber.

Mode braucht unkonventionelle Schöpfer, um sich erneuern zu können. Dazu gehören natürlich Etablierte wie Sonia Rykiel, Jean-Paul Gaultier oder Yohji Yamamoto, die seit Jahrzehnten modische Entwicklungen mitbeeinflussen. Hinter den Kulissen tragen auch Kreative wie die Berlinerinnen Desirée Heiss und Ines Kaag bei, bekannt unter dem Namen „Bless“, die keine Modedesigner im üblichen Sinne sind. Sie entwerfen bereits existierende Kleidungsstücke oder Accessoires neu und geben damit „einzigartige Kommentare zum Thema Mode" ab.

Der Methode des „Customizing“, des Umarbeitens vorhandener Kleidungsstücke, bedienen sich heute mehrere Designer auf ganz verschiedene Weise. Das französische Designerduo Michèle & Olivier Chatenet, die unter dem Namen „E2“ arbeiten, nehmen wertvolle alte Stücke auseinander und fügen sie neu zusammen. Der derzeit in Paris lebende Deutsche Lutz dagegen putzt Bomberjacken mit Smokingrevers auf oder verwandelt Pullover mittels Reißverschlüssen zu schmalen Kleidern. Die „Persönlichkeit alter Stoffe" unterstreicht die in London arbeitende Jessica Ogden durch handgenähte Applikationen und Stickmuster.

In Form von Kurzporträts, Fotos typischer Modelle und kleiner Interviews vermittelt „Fashion Now“ eine Vorstellung dieser ungewöhnlichen Denk- und Arbeitsweisen. So facettenreich sich die heutige Mode zeigt, so individuell sind die Ambitionen der Designer: Das holländische Duo Victor & Rolf, bekannt für seine voluminösen Silhouetten, Rüschen und Bänder, findet die Fähigkeit mit Mode zu kommunizieren, wichtiger als das Design selbst. Der „tragbare, von vielen Kulturen inspirierte Stil" des Belgiers Dries van Noten zielt darauf ab, den Menschen ein Mittel in die Hand zu geben, mit dem sie sie selbst bleiben können. Dagegen ist der amerikanische Designer Jeremy Scott mit seiner extrem kitschig-ironischen Mode eher an Provokation interessiert. Eines macht das Buch deutlich: Mode ist mehr als eine Ansammlung von Launen. Sie ist Kommunikationsmittel und ein sensibles Instrument zur Bestandsaufnahme des jetzigen Moments.

Fashion Now. Herausgegeben von Terry Jones und Avril Mair. Köln, Taschen, 2003. 640 Seiten, 29,90 Euro .

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