Mode: Michael Michalsky im Interview : „Heidi und ich singen gern Songs aus den Achtzigern“

Michael Michalsky im Interview über seine Zeit in der norddeutschen Provinz, die große weite Welt der Mode und seinen Job bei Heidi Klums „Germany´s Next Topmodel“.

Michael Michalsky, 49, in Pose.
Michael Michalsky, 49, in Pose.Foto: Sven Darmer

Stimmt es, dass Sie sich beim Dreh von „Germany´s Next Topmodel“ so gut mit Heidi Klum und Thomas Hayo verstanden haben, weil Sie alle aus kleinen Städten kommen?

Ja, das verbindet. Wir sind alle Kids der Achtziger und haben uns alle für Mode interessiert. Ich bin nach London gegangen, Heidi nach New York und Thomas auch. Wir haben uns nach und nach hochgearbeitet. Wir haben in den Drehpausen Songs aus den Achtzigern gesungen, die kannten die Leute von der Aufnahmeleitung gar nicht. Oder wir haben uns über Modemarken aus den Achtzigern unterhalten, was man damals unbedingt haben wollte.

Und in einem Dorf fühlt man sich ja auch immer anders als die anderen.

Thomas lief, ähnlich wie ich, wie ein Fashion Victim rum, hat aber trotzdem Fußball gespielt. Dass der Probleme in seinem saarländischen Dorf hatte, ist klar. Heidi aus Bergisch Gladbach hat immer gesagt: Ich werde mal Model, und Michael, der mit dem Schulbus nach Bad Oldesloe fahren musste, wollte immer Designer werden.

Wie passt „Germany´s Next Topmodel“ in Ihr Image als Designer?

Sehr gut. Ich habe ja nicht zum ersten Mal bei einem Modelformat mitgemacht. „Germany´s Next Topmodel“ hatte schon öfter angefragt. Es hat mich gereizt, dass es zwei Teams gibt und man nicht nur Juror, sondern auch Mentor ist. Das hat ja auch mit meinem Beruf zu tun. Und es hilft mir natürlich, den Bekanntheitsgrad meiner Marke zu steigern.

Merkt man das?

Klar, Fernsehen ist das stärkste Medium. In dem Moment, in dem die Sendung läuft, gehen die Klicks auf unserer Website hoch, das hält zwei Tage an.

Werden sie auf der Straße angesprochen?

Jeden Tag und nicht nur von Jugendlichen. Mir macht das Spaß.

„Als ich Teenager war, hat man noch für den Schlussverkauf gespart“

Als Designer gehen Sie einen neuen Weg. Gibt es durch Ihre Arbeit eine Haute Couture in Berlin?

Ich habe vor einem Jahr die Entscheidung getroffen, den radikalen Gegenentwurf zur Alltagsmode zu starten, weil sich in den 24 Jahren meiner Karriere so viel verändert hat. Atelier Michalsky hat eine viel spitzere Modeaussage, die Sachen müssen nicht produzierbar sein. Es geht nicht mehr darum, bestimmte Stoffmengen zu bestellen, irgendwo möglichst günstig zu produzieren und permanent in Angst zu sein, dass irgendwo Ausverkauf ist. Als ich Teenager war, hat man gespart, bis Schlussverkauf war, dann hat man die Boutiquen abgeklappert und sich überlegt, was man gern hätte.

Heute gibt es ja auch viel mehr Waren.

Ja, die Begehrlichkeit hat sich geändert. Als ich begann, mich für Mode zu interessieren, gab es bestimmte Sachen nur in London oder New York, früher hast du Leuten Geld mitgegeben, die nach London fuhren. Heute gehe ich ins Internet und bestelle mir, was ich will.

Was bedeuten diese Veränderungen?

Weil sich geändert hat, wie wir konsumieren, ist Mode heute Entertainment. Immer mehr Menschen interessieren sich für Selbstdarstellung, einen individuellen Look. Ich hatte als unabhängiger Designer das Gefühl, ich muss etwas anderes machen. Und das funktioniert gut.

Gut gezeichnet. Skizzen zu seiner neuen Kollektion für Atelier Michalsky.
Gut gezeichnet. Skizzen zu seiner neuen Kollektion für Atelier Michalsky.Foto: promo

Es gibt also Anfragen nach einzelnen Kleidern, die nach Maß gefertigt werden?

Ja, vor allem bei Männern. Ich zeige ja Männer und Frauen zusammen. Das mache ich seit Jahren. Ich glaube, dass sich der Markt spaltet – es gibt Leute, denen wichtig ist, wo etwas hergestellt wird und dass es sich als Statement länger als zehn Minuten im Modeorbit hält. Das hast du bei einem maßgeschneiderten Kleidungsstück. Du kannst den Saum rauslassen, du kannst es enger machen, das Futter auswechseln. Ich lege auch viel Wert auf Qualität und Verarbeitung. Das ist für mich als Designer äußerst befriedigend.

Weil Sie den ganzen Prozess begleiten können?

Ja, ich entwerfe jetzt komplette Looks, das habe ich früher nicht gemacht. Es gibt weiterhin noch MICHALSKY, die Klassiker wie Turnschuhe und Ready to Wear, aber keine ganze Kollektion mehr. Früher habe ich am Anfang einer Saison mit meinem Produktmanagement einen Plan gemacht, wie viel Hemden dabei sein müssen, welche Preislage die haben sollen und was sie bei der Konkurrenz kosten. Jetzt kann ich mich viel drastischer ausdrücken, und das macht mich ich sehr glücklich.

Wie verläuft der Prozess der Anfertigung?

Ein Kunde geht in mein Geschäft, die Gallery am Potsdamer Platz, da hängt die Showkollektion. Wenn etwas dabei ist, wird ein Termin gemacht, dann kommen ein Designer, eine Schneiderin und ich. Jedes Produkt wurde von einem bestimmten Schneidermeister mitentwickelt.

Die Schneider sitzen also nicht alle in Ihrem Atelier und warten auf Arbeit?

Ich habe ein Netzwerk, das ich nach Bedarf aktivieren kann. Wir bestellen den Stoff, vieles kommt aus der Schweiz, aus Frankreich und Italien. Wir machen den ersten Prototyp. Dann wird meistens noch etwas verändert, es gibt also mindestens zwei Anproben.

Interessant ist wahrscheinlich auch der Prozess des Wartens?

Das sieht man ja bei anderen Luxusmarken: In einer Welt, in der du alles sofort haben kannst, weckt Warten Begehrlichkeit. Es entsteht eine andere Beziehung zu dem Produkt und zu der Leistung, die eingeflossen ist. Für viele ist das eine neue Erfahrung.

Bei Ihnen ist das Drumherum wichtig, das Parfüm, die Kooperationen. Ist Atelier Michalsky die Kernaussage?

Alles, was ich tue, mache ich, weil der Kern meiner Marke Mode ist. Die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, wollen genau deshalb eine Partnerschaft. Und wenn die Modeaussage jetzt noch viel extremer und radikaler ist, ist das von großem Interesse für sie.

Mode ist in den letzten zwanzig Jahren Entertainment geworden und nicht nur in Berlin, sondern überall

Es würde also nicht funktionieren, wenn Sie nur als Berater arbeiten würden?

Ich brauche den Kern für mich selbst. Wenn der Kern nicht da wäre, würde es alles andere nicht geben.

Haben Sie bewusst die Rolle des Mode-Entertainers übernommen?

Mode ist in den letzten zwanzig Jahren Entertainment geworden und nicht nur in Berlin, sondern überall. Schauen Sie sich mal diese ganzen Monstershows an, wo die Journalisten durch die Welt geflogen werden. Wer da sitzt, wer das Label promotet, wer es trägt, welche Medien darüber berichten. Seit 15 Jahren findet Mode auch in Nachrichten statt, und die Regenbogenpresse berichtet über Haute Couture.

Ist Ihre Stylenight deshalb mehr als eine Modenschau?

Meine Stylenight war von Anfang als kulturrelevantes Popevent konzipiert, weil ich die Generation von Designer bin, die den Zusammenhang zwischen Jugendkultur und Mode, ausgedrückt durch Musik, immer gesehen hat.

Nicht jeder stellt sich so zur Verfügung wie Sie.

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Das war Teil des strategischen Konzepts, mir macht das Spaß. Ich kann es nur zweimal im Jahr machen, und da versuche ich so viel Aufmerksamkeit zu bekommen wie möglich. Das läuft dann über mich, ganz klar. Viele wollen wissen, wer ist der Mann hinter der Mode?

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