Zeitung Heute : „Mode muss auch die Konfrontation mit fremden Orten suchen“

In Berlin findet Mode oft an Orten statt, die eine starke Identität besitzen. Was macht Mode mit den Räumen?

Mode fügt ihnen eine neue Bedeutung hinzu. Das zeigt sich zum Beispiel an der Debatte um den Bebelplatz. Darin kommt zum Ausdruck, wie sehr Mode in der öffentlichen Diskussion nach wie vor als oberflächlich und frivol betrachtet wird. Aber sie gehört zu einer zivilisierten Gesellschaft. Insofern finde ich es gar nicht verkehrt, wenn Mode an völlig anders besetzte Orte geht, um auch die Konfrontation zu suchen.

Wie sollte die Mode damit umgehen, dass sie auf diese Weise provoziert?

Der Aspekt der Provokation kann schon fruchtbar sein, und zwar für beide Seiten. Aus der Mode ist er ohnehin nicht wegzudenken.

Sie haben gerade eine Tagung über „Räume der Mode“ veranstaltet. Was meinen Sie mit diesem Begriff?

Online-Zeitschriften, Blogs oder Websites. Mein Lieblingsbeispiel ist die Website von Viktor & Rolf: ein Haus mit Treppen und Türen. Solche Räume spielen eine entscheidende Rolle für die Publizierung von Mode. Dann gibt es reale architektonische und städtische Räume und schließlich den Raum, den die Mode selbst schafft: Kleidung als eine Form von Räumlichkeit, die mit dem Körper in einen Dialog tritt.

Worin unterscheidet sich eine Designerboutique von einem Luxusautohaus?

Kleidung beeinflusst uns immer. Sie bewirkt, wie wir uns bewegen, sie begleitet uns ständig. Die Bedeutung von Mode ist eine andere als die von Autos, weil sie nicht aus dem Alltag wegzudenken ist. Wir sehen nie nackte Körper, sondern immer nur Modekörper.

Der Unterschied liegt also darin, dass Mode kein unabhängiges Produkt ist, sondern immer im Zusammenhang mit einer Person steht?

Ja. Und dass natürlich die Räume je nach Produkt verschieden sein müssen, sonst funktionieren sie ja nicht. Ein Auto werden Sie nicht so präsentieren wie ein Designerkleid in der Modeboutique. Das muss aufeinander abgestimmt sein. Die Spezifik der Produkte ist da schon sehr wichtig.

Das Gespräch führte Jan Schröder.

Gertrud Lehnert ist Professorin am Institut für Künste und Medien der Universität Potsdam. In der vergangenen Woche veranstaltete sie die Tagung „Die Räume der Mode“ in Berlin

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