Zeitung Heute : Modehäuser

Wenn Architektur, Städtebau und Mode aufeinandertreffen, entstehen oft Spannungen. Dabei geht es nicht nur um Geschmacksfragen. Es geht immer auch darum, welche Rolle Mode in unserer Gesellschaft spielt

Ausrufezeichen für die Mode. Im Januar 2010 wurde das Showroomzentrum Labels 2 am Osthafen eröffnet – weithin sichtbar im Berliner Stadtraum. Mit seiner originellen Fassade dominiert es die Umgebung am Spreeufer. Doch so offen zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein zieht auch Kritik auf sich. Foto: Promo
Ausrufezeichen für die Mode. Im Januar 2010 wurde das Showroomzentrum Labels 2 am Osthafen eröffnet – weithin sichtbar im Berliner...Foto: Christian Gahl

Berlin wäre gern eine echte Modemetropole. Die Medien schenken diesem Thema viel Aufmerksamkeit, doch es fällt auf, wie wenig die Mode im Stadtbild in Erscheinung tritt. Die Wirkung im öffentlichen Raum beschränkt sich im Wesentlichen auf großformatige – und oft umstrittene – Werbeplakate.

Was in Berlin fast völlig fehlt, sind ambitionierte Gebäude für die Mode. Selbst die Flagshipstores großer Labels haben sich, anders als in New York oder Tokio, in Alt- oder Zweckbauten eingerichtet. In den vergangenen Jahren ist in Berlin nur ein einziges speziell für die Mode errichtetes Gebäude entstanden, das selbstbewusst in den öffentlichen Raum hineinwirken und so ein Zeichen für die Mode in Stein, Glas und Stahl setzen will.

Es handelt sich um das Showroom-Zentrum Labels 2 am Osthafen. Das benachbarte Stammhaus Labels 1 ist ganz Berlin-typisch in einem restaurierten Altbau untergebracht. Als die Nachfrage nach Räumen stieg, in denen Modeunternehmen wie Hugo Boss, Esprit oder Puma ihre Kollektionen zeigen können, entschloss man sich zur großen Geste. Im vergangenen Jahr wurde der Neubau am Spreeufer eröffnet, der als mächtiger Kubus die Blicke auf sich zieht.

Entscheidend ist neben den Dimensionen auch die ebenso ungewöhnliche wie umstrittene Fassadengestaltung des Baseler Architektenbüros HHF. Dass Labels 2 sich ausgerechnet im heiß diskutierten Entwicklungsgebiet „Mediaspree“ befindet, verstärkte die provozierende Wirkung. Sie bietet einen Anlass, über das Verhältnis von Mode, Architektur und öffentlichem Raum zu diskutieren.

Dass hier Gesprächsbedarf besteht, zeigt auch eine wissenschaftliche Tagung zum Thema „Die Räume der Mode“, die das Institut für Künste und Medien der Universität Potsdam in den vergangenen Tagen im Berliner Kunstgewerbemuseum veranstaltete. Baukunst und Bekleidung aufeinander zu beziehen, ist naheliegend. Beide Kunstformen sollen vor den Elementen schützen, die Privatsphäre abgrenzen, und können auch Botschaften vermitteln – etwa über den Status und Geschmack des Trägers oder Auftraggebers. Im Idealfall können sie dreidimensionale Kunstwerke erschaffen.

Besonders eng rücken die Schwesterkünste bei Gebäuden zusammen, deren Funktion darin besteht, Kleidung zu präsentieren. Dann entstehen Räume für die Mode. Doch wie das Symposium belegt, müssen Räume, in denen sich Mode entfalten kann, nicht gebaut sein – auch die inszenierten Bildräume der Modefotografie oder virtuelle Sphären können Kleidungsstücken ein passendes Umfeld erschaffen. Wer sich nicht für Mode interessiert, kann sie ohne Weiteres ignorieren.

Bei Bauten ist das anders. Sie fordern automatisch Reaktionen heraus, weil sie nicht zu übersehen sind. Das gilt selbst für temporäre Konstruktionen, wie die lebhafte Debatte um das Zelt der Mercedes-Benz-Fashion-Week auf dem Bebelplatz belegt.

Doch das umstrittene Zelt zeigt noch mehr: Räume für die Mode müssen nicht unbedingt selbst modisch – also aufwendig gestaltet – sein. Das Zelt ist rein funktional. Es bietet Raum für einen Laufsteg, Besuchertribünen, eine Lobby und Arbeitsmöglichkeiten für Journalisten, unterscheidet sich aber ansonsten nicht weiter von einem beliebigen Festzelt. Zu einem Raum der Mode wird es durch das, was darin stattfindet.

Für die Präsentationen der neuesten Kollektionen, die nur zweimal jährlich stattfinden, müssen nicht eigens feste Neubauten errichtet werden. Aber ein Zelt, das auf- und wieder abgebaut werden kann, ist manchen Designern nicht genug. Michael Michalsky weigerte sich ausdrücklich, eine „Zeltshow“ zu veranstalten. Stattdessen baute er seinen Laufsteg in glamourösen Räumen wie der Zionskirche oder dem Friedrichstadtpalast auf. Und auch andere zahlungskräftige Modemacher setzen während der Fashion Week auf besondere Räume, die mit ihrer Aura die Wirkung der Modenschau verstärken. Der Hamburger Bahnhof, die Neue Nationalgalerie oder das Tropenhaus im Botanischen Garten waren bereits zeitweilig Räume der Mode.

Dass Berlin genug Räumlichkeiten besitzt, die solche Möglichkeiten bieten, zeigen auch die großen Modemessen. Bestes Beispiel ist die Bread & Butter, die seit dem vergangenen Sommer zweimal jährlich in den Hallen des ehemaligen Flughafens Tempelhof stattfindet. Einen besonders konfrontativen Versuch, Historie und aktuelle Mode zu verbinden, unternimmt demnächst die Streetwear-Messe Bright, die ausgerechnet das ehemalige Stasi-Hauptquartier in Lichtenberg für einen geeigneten Ort hält.

Doch nicht alle Räume der Mode sind temporär. Für manche Funktionen bedarf es dauerhafter Bauten. Da sind in erster Linie natürlich Geschäfte. Auf diesem Gebiet war Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts führend, man denke nur an Alfred Messels berühmtes Wertheim-Kaufhaus am Leipziger Platz. Noch heute vermittelt das KaDeWe den Eindruck eines Konsumtempels, in dem das Einkaufen durch aufwendige Architektur zum außergewöhnlichen Erlebnis stilisiert wird. Als Nachfolger kann allenfalls der 1996 eröffnete Ableger der Pariser Galéries Lafayette in der Friedrichstraße gelten, die der französische Star-Architekt Jean Nouvel entwarf.

Die gestalterisch überzeugendsten Modeläden Berlins haben sich in Altbauten eingenistet. Da wäre etwa die Boutique von Andreas Murkudis, die gleich mehrere Räume eines typischen Berliner Hinterhauses nutzt, oder der Edel-Denim-Shop 14 oz, der in einem prachtvollen Neorenaissancebau des Wertheim-Architekten Alfred Messel residiert. Beide Läden haben sich ihre historischen Hüllen durch individuelle Ladenbaukonzepte angeeignet.

Nicht die Außenwirkung der Fassaden, sondern die Gestaltung der Räumlichkeiten spielt heute bei Modegeschäften eine entscheidende Rolle. Die gestalterischen Ambitionen richten sich also eher nach innen als nach außen. Für die Diskussion über die Bedeutung von Mode in unserer Gesellschaft ist das schade. Denn gerade die eindrücklichen Gesten im öffentlichen Raum können diese fruchtbaren Streitgespräche am kräftigsten anstoßen.

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