Zeitung Heute : Modell in Trümmern

Moritz Kleine-Brockhoff[Dili]

Von

Die Flammen sind gelöscht, die Straßen nach den Schlachten mit Steinen übersät. Osttimors Hauptstadt Dili, Stadtteil Bairopite. Ein verkohlter Türrahmen qualmt noch. „Mussten sie mein Haus anzünden?“, fragt Olga Saldanho ratlos. Sie hat andere Sorgen als jene, den fünften Geburtstag ihres Landes zu feiern.

Im Mai wäre es soweit. Osttimor, Inselhälfte in Südostasien: einer der jüngsten Staaten der Welt, geschaffen von den Vereinten Nationen. Osttimor galt lange als Musterbeispiel dafür, dass die UN in der Lage ist, einen Staat aufzubauen. An diesem Montag wählt das Land einen neuen Präsidenten, im Juni ein neues Parlament. Unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen. Das Land ist gespalten, Gewalt und Chaos gehören zum Alltag. Die Wahlen könnten ein Neuanfang sein, Friedensnobelpreisträger Jose Ramos-Horta gilt als aussichtsreicher Kandidat. Doch es besteht die Sorge, die Gewalt könnte mit der Bekanntgabe des Wahlergebnisses in den kommenden Tagen eskalieren.

Nach dem Abzug indonesischer Besatzungstruppen vor gut acht Jahren war der Weg zur Unabhängigkeit frei. Es gab allerdings keine nennenswerte Wiederaufbauhilfe, nur wenige haben von der Unabhängigkeit profitiert. Die Menschen in Bairopite und anderswo im Land blieben arbeitslos. Wut, Neid und Rivalität sind die Folge. Und, vor allem, die Gesellschaft ist tief gespalten. Plötzlich gibt es überall Ossis und Wessis. Die Polizei zerbricht, übrig bleiben West-Polizei und Ost-Armee. Beide bewaffnen Zivilisten, Dutzende sterben bei ihren Schießereien. Der Regierungspalast wird gestürmt. Häuser brennen. 150 000 Menschen fliehen. Soldaten beschießen das Polizeihauptquartier, massakrieren Polizisten auf offener Straße. Dieser Teil der Krise begann im vergangenen Jahr damit, dass Soldaten desertierten, die aus dem Westen des Landes stammen. Sie waren unzufrieden mit ihrer Führung. Die kommt aus dem Osten des Landes. „Ost gegen West“, davon sprach auch Präsident Xanana Gusmao im Fernsehen. Er wollte seine Ansprache als Aufruf zum Dialog verstanden wissen. Er bewirkte das Gegenteil.

„Wir lebten gut zusammen, Ost-West war kein Thema“, sagt Rosita Espiritu Santo. Sie ist Anfang 30, trägt kariertes Kleid, Badeschlappen. Sie steht vor Resten von Häusern. „ Plötzlich verscheuchten die Ostler alle Westler und zündeten deren Häuser an. Ich verstehe das nicht.“ Viele verstehen es nicht. Es ist kein ethnischer Konflikt, in beiden Landesteilen gibt es mehrere Ethnien. Angeblich leisteten Ossis mehr Widerstand gegen die indonesischen Besatzer und wurden nach der Unabhängigkeit in Wirtschaft, Politik und Militär immer dominanter. Angeblich fühlten sich Wessis marginalisiert.

Dialekt und Aussehen verraten, ob einer aus dem Osten oder dem Westen kommt. Die Probleme, die das mit sich bringt, sind allgegenwärtig. Dili liegt im Westen, die Bevölkerung der Stadt ist gemischt, doch manche Nachbarschaft inzwischen entlang der Ost-West-Linie „gesäubert“. Jeder Fünfte lebt im Flüchtlingslager. Am Flughafen, in Parks und an Kirchen stehen Tausende Zelte. „Ich traue mich nicht zurück, unsere Nachbarn akzeptieren uns nicht mehr“, sagt Flora de Almeida, 23 Jahre alt, Kraushaar und dunkle Augenringe.

Vier Truppen, insgesamt nur 3000 Mann, mühen sich vergeblich um Sicherheit. Die Ossi-Restarmee bewacht Regierungseinrichtungen. UN-Polizisten patrouillieren, Polizisten Osttimors helfen. Soldaten aus Australien und Neuseeland sind ohne UN-Mandat auf Friedensmission. „90 Anschläge auf unsere Autos in einer Woche sind Rekord“, resümiert Wolfgang Weisbrod-Weber, der Stabschef der neuen UN-Krisenmission. Die alte, robuste Mission mit 7000 UN-Blauhelmen wurde 2005, als es ruhig war, eingespart. Die USA setzten im Weltsicherheitsrat die Meinung durch, Osttimor habe genug Geld verschlungen. Manche glaubten, die Staatsbildung sei gelungen. „Blauhelme wurden zu schnell und zu stark reduziert“, sagt Weisbrod-Weber heute. Seine Prognose für den zweiten Versuch: „Truppen weitere drei bis fünf Jahre, Beratung wesentlich länger.“

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