Zeitung Heute : "Modem-Cowboys"

CARSTEN WIELAND

Als Mutter, Fernstudentin und Teilzeitarbeitnehmerin hatte Elke Gruell (37) viele Aufgaben zu koordinieren. Ihr Studium hat die Buchhalterin nun abgeschlossen. "Ich könnte die Zeit, in der ich bisher studiert habe, jetzt für Telearbeit nutzen", sagt sie. Um mehr über das Arbeiten unabhängig vom Büro zu erfahren, kam sie auf die Tagung des Wirtschaftsministeriums Baden-Württemberg "Telearbeit - Perspektiven für Familie und Unternehmen".Ein Berufsbild wie das von Gruell nennt Peter Kern vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation ein "Patchwork-Profil". "Die Leute machen mal dies und mal das", sagte er. "Ein Arbeitsleben, das wie ein Flickenteppich aussieht, wird heute positiv bewertet". 25jährige Arbeitsjubiläen in einem Betrieb werde es kaum noch geben. Computer und Internet machten es möglich, die Arbeitszeit flexibler zu gestalten und mehrere Aufgaben gleichzeitig wahrzunehmen. "Texte werden eingescannt, alle Dokumente kommen auf die Festplatte und sind überall verfügbar", sagt Kern. Es spiele eben keine Rolle mehr, wo gearbeitet wird."Modem-Cowboys" nennt Kern die Menschen, die ständig mit Mobiltelefon und Laptop umherlaufen. Wissen sei heute immer und überall verfügbar. Das bringe auch Probleme mit sich: "Wir müssen lernen, Freizeit und Arbeit auseinander zu halten". Vor Selbstausbeutung warnt auch Johann Szeitz, Betriebsrat beim Bildungszentrum Südwest der Deutschen Telekom. "Die Telearbeiter müssen den anderen Kollegen beweisen, daß sie nicht zu Hause faulenzen". Sie stünden unter einem besonderen Druck, solange sich diese Arbeitsform in der Gesellschaft nicht etabliert habe.Menschen, die ihren Arbeitsort und die Arbeitszeit selbst wählten, seien produktiver, weniger krank und sehr zuverlässig, resümierte Barbara Bertrang, Präsidentin der Deutschen Telekom AG Stuttgart. Kaum ein Telearbeiter kündige. "Ihre Loyalität scheint mit ihrem Abstand zum Unternehmen zu steigen", sagte sie. Durch die Arbeit Zuhause könnten viele weiterarbeiten, wenn sie sonst Erziehungsurlaub nehmen müßten. Bertrang wehrt sich zugleich dagegen, Telearbeit als "klassisches Frauenthema" zu behandeln. "Es bedeutet flexible Arbeitszeit für jeden".In Deutschland arbeiteten erst weniger als drei Prozent aller Beschäftigten ausschließlich in Telearbeit für ein Unternehmen, sagt Bertrang. In den USA seien es knapp neun, in Großbritannien sogar 15 Prozent. Besonders Call Center, die 24 Stunden besetzt seien, würden oft dezentral betrieben. Durch Telearbeit entstünden nicht unbedingt neue Stellen, erklärt Bertrang. Die meisten Telearbeiter hätten das langjährige Vertrauen des Arbeitgebers. Sie müßten beweisen, daß sie sich selbst motivieren, Selbstdisziplin und Zeitmanagement beherrschen.Die isolierte Arbeitsweise gehe oft auf Kosten der Kommunikation, warnt Kern. "Achzig Prozent der guten Ideen entstehen, wenn Menschen zusammensitzen und miteinander reden". Das habe eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) ergeben. Viele Firmen ließen ihre Mitarbeiter deshalb an einem Vormittag in der Woche gemeinsam frühstücken oder unternähmen mehr Betriebsausflüge. Dieser soziale "Schmierstoff" sei unentbehrlich.

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