Zeitung Heute : Moderator

Reichsbaumeister Jo Coenen

Bernhard Schulz

In Deutschland ist man es gewohnt, dass Architekten für Bauvorhaben der öffentlichen Hand über offene, anonyme Wettbewerbe von einer unabhängigen Jury ermittelt werden. Allein schon die Vorstellung, eine staatliche Instanz könnte ein Wörtchen mitreden, weckt hierzulande schlimmste Befürchtungen. Dass es einmal einen „Reichskunstwart“ gegeben hat, und zwar zu Zeiten der fragilen Weimarer Republik, ist vollständig in Vergessenheit geraten.

Die Niederlande haben die Institution des „Rijksbouwmeesters“, des Reichsbaumeisters – und auch nicht die kleinsten Vorbehalte sind zu vernehmen. Die fremdsprachliche Übersetzung der Amtsbezeichnung lautet denn auch gleich ohne falsche Scheu „Regierungs-Chefarchitekt“, doch in dem kleinen Faltprospekt, der die Aufgaben des Amtes zusammenfasst, findet sich zur Beruhigung argwöhnischer Gemüter der Satz, der Regierungsarchitekt sei „nicht zuständig für das Bauen als solches, wie noch seine Vorgänger im 19. und frühen 20. Jahrhundert“, aber „gewiss leitet er den Entwurfsprozess“.

Ein Satz, den Amtsinhaber Jo Coenen wieder und wieder variiert. Als der Maastrichter Architekt, der 1993 mit dem Neubau des in Rotterdam beheimateten Niederländischen Architekturinstituts bekannt wurde, Ende 2000 zum Reichsbaumeister berufen wurde, nahm er eine Reihe von Reformen in Angriff, um die Aufgaben des Amtes neu zu definieren und aus der direkten Konkurrenz mit den freiberuflichen, entwerfenden Architekten zu lösen. Zunächst einmal demonstrierte er Unabhängigkeit gegenüber der Regierung. Zwar ist das Amt in beratender Funktion dem Ministerium für Wohnen, Raumplanung und Umwelt (VROM) zugeordnet und berät zugleich den Leiter der Regierungsbaubehörde – dem deutschen Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung vergleichbar –, doch bezog Coenen als erstes ein räumlich getrenntes „Studio“ in der Fußgängerzone, unweit des Palastes Noordeinde, in Den Haag. Dieser Schritt, so Coenen, sei „elementar und symbolisch zugleich“ gewesen: elementar, weil im Ministerium nicht genügend Platz für ein Architekturbüro zur Verfügung stand, und symbolisch, weil damit die Aufgabenkette von „Anregen, Entwerfen, Betreuen, Erschaffen und Verwirklichen“ sichtbar beansprucht werden sollte. „Das geht leichter in Form einer ,Werkstatt’, wo Leute einfach hinkommen können, und zwar auch nach Büroschluss.“

Beim Gespräch in der Berliner Nationalgalerie, wo Coenen zuvor an einer Podiumsdiskussion über Bauen in Deutschland und den Niederlanden teilgenommen hat, sprudelt der Reichsbaumeister nur so über von seinen Aufgaben, Zielen und Visionen. Er erzählt, wie er vom Tag seines Amtsantritts an – „das ist wie eine Professur, das kann man nicht ablehnen!“ – mit Aufgaben überschüttet wurde, Hinterlassenschaften seiner Vorgänger, aber auch neuer Vorhaben aus dem Ministerium. Ob es um die Raumplanung für von Schweinepest betroffene landwirtschaftliche Großbetriebe geht, die Planung von sechs Bahnhöfen an den zukünftigen Hochgeschwindigkeitsstrecken Richtung Belgien und Deutschland oder der Totalumbau des Amsterdamer Rijksmuseums: Für alle Probleme sollte der Chefarchitekt eine Lösung wissen. „Das nahm plötzlich riesige Dimensionen an. Mein Vorgänger hat das ,wie Richelieu’ geplant; das war Architekturpolitik. Nun stand ich vor einem Berg von Aufgaben – und was nun?“

Doch hinter der in wohliger Erinnerung gespielten Verzweiflung verbirgt sich ein geschickter Kommunikator. Ein Blick auf die Biografie Jo Coenens genügt, um seine Fähigkeiten im networking zu erkennen. 1949 in Heerlen im äußersten, katholischen Südosten der Niederlande geboren, absolvierte er ein Architekturstudium in Eindhoven, wo er im Jahr nach dem Examen 1975 seine erste Anstellung fand. Seither ist eine imponierende Liste von Dozenturen und Professuren hinzugekommen, zum Beispiel in Karlsruhe, Amsterdam oder Lausanne, dazu Stadtplanungsaufgaben in Amsterdam, Maastricht, Den Haag. Zusätzlich zum Regierungsamt – ein „königliches“, wie er im Gespräch mehrfach einfließen lässt – hat Coenen seit 2001 auch noch eine Professur an der Technischen Universität Delft inne. Gebaut hat er übrigens auch in Berlin – Wohnhäuser innerhalb eines Blocks an der Südostecke des Gendarmenmarkts.

Seine Aufgabe sieht er als Moderator. Dabei macht er keinen Hehl daraus, dass die formalen Entscheidungswege oft unklar sind. „Wer entscheidet ein Projekt wie die Bebauung des neuen Stadtteils ,Céramique’ in Maastricht? Der Investor, der Planer, die Stadt? Die Wirklichkeit ist: keiner entscheidet.“ Das ist überspitzt formuliert, denn natürlich werden Entscheidungen gefällt; Coenen will aber sagen, dass es keine von unumstößlichen Kompetenzen gibt, sondern einen Prozess der Entscheidungsfindung, der die unterschiedlichen Interessen einbeziehen und abwägen muss. Der Bedarf an entsprechender Beratung erwies sich als außerordentlich hoch. „Es gibt viele Vorgänge, die ins Stocken geraten sind. Ich habe Türen geöffnet. Die Leute kommen zu mir in die Werkstatt – Planer, Bürger, Investoren, Politiker.“ Dann münden die Vorgespräche in erste Entwürfe: „Wir fertigen Zeichnungen und Modelle. Dann haben wir etwas, über das wir unabhängig diskutieren können.“

Das gilt insbesondere in der Beziehung zum öffentlichen Bauen. „Beim Staat ist der Bauherr weiterhin der Rijksgebouwendienst und das Ministerium. Das bleibt auch so. Aber ich werde als Berater hinzugezogen. Wenn die Arbeit leidet, weil sie zu stark vom Geld oder bloßem Pragmatismus gesteuert wird, kann ich das schnell mit einem Federstrich korrigieren.“

Coenen will seine Eingriffe mitnichten als Stilkorrekturen verstanden wissen. Streit um die Ästhetik der Architektur liegt ihm fern. „Streit über Stil ist heute nicht die große Aufgabe“, erklärt er kategorisch: „Das ist ein Scheinkampf. Es geht vielmehr darum, wer es wert ist, Auftraggeber zu sein. Daran arbeite ich. Das lebe ich vor, weil ich durch einen schönen Entwurf, einen guten Kollegen, begeistert werden kann.“ Und weil das Gespräch in der Berliner Nationalgalerie unter dem Eindruck von Rem Koolhaas’ Werkschau stattfindet und damit eine Festlegung auf eine bestimmte Richtung der niederländischen Architektur quasi in der Luft liegt, verteidigt Coenen ungefragt den bekennenden Konservativen Rob Krier, der in Holland ganze Stadtviertel nach den Mustern des 19. Jahrhunderts baut: „Auch er baut mit der Akzeptanz der Industrie, weil es schnell geht. Ich finde an Krier nichts falsch.“

Coenen faltet das kleine Informationsblatt seines Amtes auf: „Loyal zu Vergangenheit und Zukunft“, lautet die programmatische Überschrift. Am Rand des Faltblattes ist eine Reihe von Projekten abgebildet, die den Titel illustrieren: Neubauten für die Regierung ebenso wie Restaurierungen alter Herrensitze, Stadtplanungen und sogar eine Raumordnungs-Studie für die „Randstad“, jenes hochverdichtete Areal im Westen des Landes zwischen Amsterdam, Den Haag und Rotterdam. Es wird unmittelbar einsichtig, dass Coenen sich nicht als oberster Stilwächter innerhalb der ohnehin für ihre Kreativität und Vielfalt gerühmten niederländischen Gegenwartsarchitektur aufspielen kann und will. Er sieht sich als Ermöglicher.

Und weil wir uns im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie unterhalten, ruft er deren Erbauer Mies van der Rohe zum Kronzeugen auf: „Ich halte es mit Mies, einem Jungen aus Aachen – ich stamme aus derselben Gegend –, der sagt, wir haben immer mit Stein gebaut. Aber wenn ich diese Ordnung eines Steinmetzes in Amerika mit Stahl weiterführe, komme ich weiter, weil der Stahl das kann. Ist das nicht wunderbar?“

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