Zeitung Heute : Moderne Arbeitswelt: Loyalität steht nicht im Pflichtenheft

Christof Schössler

Woche für Woche präsentieren deutsche Zeitungen den vermutlich längsten Wunschzettel der Republik - ihren Stellenteil. Unternehmen jeglicher Art begehren darin den idealen Mitarbeiter. Jung soll er sein, aber zugleich auch berufserfahren. Dynamisch, aber in Gehaltserwartung eher defensiv. Gesucht werden kreative Querköpfe, die sich zugleich aber ohne Murren in bestehende Hierarchien eingliedern lassen. Und beinahe noch wichtiger: Flexibilität wird gewünscht - soll es mit der Karriere etwas werden. Von Loyalität ist nicht die Rede.

Warum auch? Passt diese Eigenschaft überhaupt noch ins moderne Business unserer Zeit? Gilt jemand, der als "loyal" bezeichnet wird, nicht gleichzeitig auch als redlich zwar aber bieder, spröde und langweilig? Holt man sich solche Kandidaten wirklich ohne Not in die eigene Firma? Offenbar nicht. Loyalität wird in deutschen Unternehmen klein geschrieben. Es scheint, als spiele diese antiquierte Eigenschaft in einer Welt der Fakten-Fakten-Fakten kaum noch eine Rolle.

"Loyalität ist in der deutschen Wirtschaft kein maßgeblicher Wert", analysiert dementsprechend auch Dirk Ploss, Geschäftsführer von "Loyalty Consulting", einer Hamburger Unternehmensberatung mit Fokus auf Wertschöpfungsstrategien. Der Experte weiter: "In der Bundesrepublik wird das Bild von kühlen Machern geprägt, von Männern fürs Grobe." Nüchterne Profis, harte Sanierer, die ihre Haut meistbietend zu Markte tragen. Die heute in Katzenfutter machen und morgen einem Werkzeughersteller vorstehen. Loyalität steht dabei nicht allzu weit vorne im Pflichtenheft.

Die einschlägige Fachliteratur unterscheidet verschiedene Arten von innerer Verbundenheit im Geschäftsleben: Von Mitarbeiter-, Kunden-, Investoren-, Lieferanten- und öffentlicher Loyalität ist dort die Rede. Alles zusammen ein Kreislauf, in dem ein Faktor stets den anderen bedingt. Doch Loyalität fällt nicht wie das blaue Wunder vom Himmel. "Sie basiert im Kern immer auf der Loyalität des Mitarbeiters zum eigenen Betrieb", informiert Ploss, denn: Nur erstklassige Leistungen überzeugter Mitarbeiter überzeugen und binden wiederum Kunden, Investoren sowie die geneigte Öffentlichkeit. Lediglich eine einzige Branche gebe es, bei der Kunden-Loyalität nicht gar so entscheidend sei: bei Bestattungsinstituten.

Im internationalen Vergleich hinkt die Bundesrepublik meilenweit hinterher. So wird zwischen Flensburg und Garmisch immer noch weit mehr Geld für Mitarbeitergewinnung ausgegeben, als für deren Bindung. Anders in den USA. Trotz einer traditionellen "Hire & Fire"-Mentalität bemühen sich nach einer Erhebung der US-Handelskammer immer mehr Firmen, ihre Mitarbeiter möglichst langfristig zu beschäftigen. In Japan ist Loyalität auch im 21. Jahrhundert gar so etwas wie eine "angeborene" kulturelle Grundeinstellung. Und selbst in Westeuropa ist man den Deutschen voraus. "Unternehmen in den Niederlanden oder Großbritannien investieren bis zu 40 Prozent der Marketing-Budgets in loyalitätssteigernde Kundenbindungsprogramme", erklärt Wertschöpfungs-Fachmann Ploss. Hierzulande seien es im Schnitt nicht einmal 15 Prozent.

Traditionell haben in der Bundesrepublik vor allem die hoch angesehene Automobilindustrie sowie der produzierende Mittelstand kaum Probleme mit interner Loyalität. Schwierigkeiten gibt es dort meist erst dann, wenn der alte Firmenpatriarch mit "Bauchgefühl" die Kommandobrücke verlässt und Manager von draußen mit stark analytischer geprägter Sichtweise das Ruder übernehmen. Weitestgehend ein Fremdwort ist Loyalität seit je her in Werbeagenturen, Unternehmensberatungen, Investmentbanken sowie in der boomenden IT-Branche.

Doch in welchem Wirtschaftssegment auch immer: Loyalität gilt in erster Linie stets Personen und nicht Institutionen. Der persönliche Draht zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern ist wichtiger als die gern eingeforderte Treue zur "Company". Vor allem Manager haben oft sogar eine tiefere Bindung zu ihren Kunden, als zu einer Firma, die ihnen nicht gehört. Und Dirk Ploss bestätigt: "Loyalität schwindet, wo Besitz und Führung zu krass auseinanderfallen." Duldeten Inhaber keine anderen Götter neben sich oder fühlten sich Investoren ausschließlich dem Börsenkurs verpflichtet, seien auch bestens bezahlte Führungskräfte eher hektisch Getriebene als produktiv Treibende. "In einer solchen Situation verkommt aufrichtige Loyalität häufig zur blutleeren Vertragserfüllung."

Dabei kann Loyalität im Unternehmen systematisch gepflegt und gefördert werden. Durch Information, durch Offenheit, durch ehrliche Anerkennung für geleistete Arbeit. "Loyalität ist keine Einbahnstraße", weiß Unternehmensberater Ploss. Chefs dürfen Verbundenheit nicht nur einfordern, sondern "sie müssen ihre Mitarbeiter begeistern. Sie müssen einen Wert schaffen, für den es sich zu arbeiten lohnt." Und das nicht nur im finanziellen Sinne. So hat das Betriebsklima etwa einen der stärksten Einflüsse auf die interne Loyalität. Und selbst wenn es in deutschen Breiten ein wenig exotisch klingt: Auch der Stolz auf seinen Arbeitgeber beeinflusst die Loyalität eines Arbeitnehmers maßgeblich. Noch einmal Dirk Ploss: "Wer das nicht glaubt, der hat sich noch nie mit einem Ferrari-Mitarbeiter unterhalten."

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