Zeitung Heute : Moderne Nächstenliebe

Andere zum Helfen zu ermutigen, bleibt auch in Zukunft eine dringliche Aufgabe

Wolfgang Huber

In diesem Jahr feiern wir den „genialsten Bettler, den Deutschland je gesehen hat“. Theodor Heuss fand diesen Ehrentitel für Friedrich von Bodelschwingh, der vor 175 Jahren zur Welt kam. Der so Gerühmte war nicht nur ein genialer Bettler, sondern auch ein begnadeter Visionär. Seine Impulse veränderten nicht nur die evangelische Kirche und ihre Diakonie, sie wirkten sich auch auf die Entwicklung des Sozialstaats aus. Das persönliche Schlüsselerlebnis rührt einen immer wieder an: Von Bodelschwingh verlor im Jahr 1869 innerhalb weniger Tage vier Kinder an einer Keuchhusten-Epidemie; dazu sagte er im Rückblick: „Damals merkte ich, wie hart Gott gegen Menschen sein kann, und darüber bin ich barmherzig geworden gegen andere.“ Arbeits- und Obdachlose, Wanderarbeiter und andere umherziehende Gesellen, psychisch Kranke und Körperbehinderte, Ausgestoßene und Verlassene waren seine Gemeinde, bald auch seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Denn von Bodelschwingh gab jedem, der bei ihm Hilfe suchte, über kurz oder lang eine Aufgabe, die seinen Fähigkeiten entsprach und seine Kompetenzen stärkte. So baute er die damalige Einrichtung für Epilepsiekranke und die Diakonissenanstalt in Bethel bei Bielefeld in kurzer Zeit zu einer „Stadt der Barmherzigkeit“ aus. Die Betheler Diakonie wurde zum Urbild eines diakonischen Gemeinwesens. Dieser Typus der Diakonie verbindet sich bis heute mit von Bodelschwinghs Namen. Solche Diakonie ist ein Orientierungspunkt für Menschlichkeit und Würde. Und ein Leuchtfeuer für eine Kirche der Freiheit, die sich als diakonische Kirche versteht.

„Die erste Frage soll nicht sein: Was kann ich von meinem Nächsten erwarten, sondern: Was kann der Nächste von mir erwarten“, wird von Bodelschwingh zitiert. Diese Frage aus der Umbruchszeit des späten 19. Jahrhunderts wirft ein ungewohntes Licht auf unsere heutige Situation. Eigenverantwortung wird groß geschrieben; jeder soll sich selbst der Nächste sein. Doch Eigenverantwortung macht Nächstenliebe keineswegs überflüssig. Wir bleiben vielmehr auf sie angewiesen. Mehr noch: Sie bleibt ein unentbehrliches Lebenselement einer menschlichen Gesellschaft. Und sie bleibt der wichtigste Beitrag des christlichen Glaubens zur Kultur des Zusammenlebens.

Damals ergab sich aus der Industrialisierung die Notwendigkeit, der Nächstenliebe eine neue Gestalt zu geben. Heute stürzen der demografische Wandel und die Zwänge einer globalisierten Welt das Gefüge der Gesellschaft um. Arbeitslosigkeit und Armut, die Überalterung, die man besser eine Unterjüngung nennen sollte, das starke Bildungsgefälle und die wachsenden Erziehungsdefizite, die Marginalisierung von Behinderten und die Isolierung von Alten: Das sind alles Phänomene, die sich nicht einfach auf das Versagen der Einzelnen zurückführen lassen. Trotzdem müssen die Einzelnen in dem Maß für sich selbst sorgen, in dem ihnen das möglich ist. Denn nur dann lassen sich Spielräume für gesellschaftliche Solidarität gewinnen. Doch genauso gilt: Nur wenn es auch heute und morgen Menschen gibt, die ihr Handeln an dem ausrichten, was ihre Nächsten von ihnen erwarten, werden wir eine menschliche Gesellschaft behalten. Menschen zum Helfen zu ermutigen, bleibt eine dringliche Aufgabe.

Die Faktoren, die Menschen vom Helfen abhalten, sind vielfältig. Die Auffassung, das Elend des anderen sei selbstverschuldet, trägt dazu ebenso bei wie das Gefühl, selbst ohnehin nichts ändern zu können. Die Institutionalisierung der Nächstenliebe, für die von Bodelschwingh ein großartiges Beispiel gegeben hat, führt darüber hinaus bei manchen zu einem folgenschweren Missverständnis. Sie denken, für das Helfen seien ohnehin andere zuständig. Ohne Zweifel hat die beispiellose sozialstaatliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte auch dazu beigetragen, dass Menschen, die tun könnten, was ihr Nächster von ihnen erwartet, die Hände in den Schoß legen. Aber sie werden gebraucht. Denn heute verschieben sich die Gewichte. Die institutionalisierte Hilfe wird knapper. Menschliche Zuwendung in der Pflege beispielsweise hat kaum noch Raum in den vorgegebenen Zeittakten; professionelle Hilfe für gefährdete Jugendliche wird oft zu spät oder auch gar nicht gewährt. Auch in unseren hoch entwickelten Sozialsystemen wird die Luft für die Nächstenliebe dünner. Deshalb wird auf beides zu achten sein: Professionelle Hilfe muss im nötigen Umfang gewährleistet werden, in ihr muss auch für menschliche Zuwendung Raum sein. Und ehrenamtliches Engagement wird zugleich an Bedeutung gewinnen. Wir sind darauf angewiesen, dass mehr Menschen fragen, was ihr Nächster braucht.

„Das Wort ,unheilbar‘ steht im Wörterbuch eines Christen nicht mehr“, heißt es bei von Bodelschwingh, dem kühnen Visionär. Weiter liest man bei ihm: „Wer danken gelernt hat, ist gesund geworden, auch wenn er sein ganzes Leben in einer Zelle zubringen muss.“ Und an anderer Stelle: „Der gesunde Mensch ist krank, wenn sein Blick haften bleibt an den armen, vergänglichen Dingen dieser Erde. Der kranke Mensch ist gesund, sobald er durch den Glauben Zugang gefunden hat zur ewigen Hoffnung.“ Von Bodelschwingh war kein Sozialtechniker der Nächstenliebe. Er lebte und handelte aus dem Dreiklang von Glauben, Liebe und Hoffnung. Diesen Dreiklang wieder zu gewinnen, ist ebenso wichtig, wie zum Helfen zu ermutigen. Die Not unserer Zeit besteht nicht in der politischen Ratlosigkeit über die Finanzierung des Gesundheitssystems – obwohl man wünschen möchte, dass der Wille zur relativ besten Lösung sich möglichst bald durchsetzt. Die Not unserer Zeit besteht auch nicht darin, dass nicht noch schneller Techniken entwickelt werden, um Krankheiten schon im Genom heilen zu können – so beeindruckend viele Fortschritte der Medizin auch sind. Die Not unserer Zeit ist ein Mangel an Glauben und Hoffnung. Wir brauchen eine stärkere Gewissheit, die über den Tag hinausblickt. Wir brauchen eine Hoffnung, die über unser endliches Leben hinausreicht. Krankhaftes Vergleichen, uneingestandene Verlust- ängste und fiebrige Aufholjagden hindern an einer gelassenen Dankbarkeit, die anerkennt, dass sich das Gelingen des eigenen Lebens nicht nur der eigenen Leistung verdankt. Dafür, dass eine solche Haltung nicht nur das Helfen, sondern auch das Leben bestimmt, kann die Diakonie ein Beispiel setzen. Denn jedes diakonische Bemühen zielt auf Gemeinschaft in Gottes Namen. Jede diakonische Tat erinnert an das helfende Handeln Jesu, der seine Hand Menschen entgegenstreckte, damit sie Vertrauen fassen konnten.

Daran zu erinnern ist heute wieder nötig. Immer wieder muss die Diakonie sich ihrer Glaubenswurzeln erinnern. Denn Diakonie ohne Spiritualität wäre nicht genug; sie wäre nichts als Sozialtechnik. Die Organisationsformen der Diakonie mögen vielfältig sein. Entscheidend ist, in welchem Geist Menschen miteinander arbeiten und worauf ihre Anstrengungen gerichtet sind. Evangelische Diakonie orientiert sich am Geist Jesu, der von Angst befreit zu einem offenen Miteinander befähigt und vor dem Tod nicht kapituliert. Wo Diakonie in diesem Geist gestaltet wird, bilden sich oft christliche Gemeinden in neuer Form. Zu wünschen ist freilich, dass sich auch die christlichen Gemeinden in ihrer vertrauten Form von diesem Geist inspirieren lassen und aus den Erfahrungen der Diakonie lernen. Denn dass es große diakonische Einrichtungen, ja ganze diakonische Gemeinwesen gibt, entbindet niemanden von der Hilfe zum Nächsten, auch nicht die Ortsgemeinden in Stadt und Land. Heute bieten eine wohnortnahe Diakonie und eine stadtteilorientierte Sozialplanung handfeste Anknüpfungspunkte für eine neue Verbindung von Diakonie und Ortsgemeinde. Von Bodelschwinghs Idee einer Stadt der Barmherzigkeit kann auf neue Weise zum Leuchten kommen.

Die Aufgaben der Sterbebegleitung können als Beispiel dienen. Sie erfordert ein enges Zusammenwirken der Institutionen und Dienste. Doch nicht nur Sterbende, sondern auch ihre Helfer brauchen seelsorgerlichen Beistand, um sich auf ihre Aufgabe vorzubereiten und um sie durchzustehen. Ärzte, Pflegende, Therapeuten und Seelsorger stehen heute vor großen sozialen, ethischen und geistlichen Herausforderungen. Sie ringen um Menschlichkeit angesichts überwältigender technischer Möglichkeiten. Sie kämpfen um Kosten und Pflegesätze und erleben zugleich, wie sich religiöse und kulturelle Voraussetzungen für den Umgang mit Sterben und Tod verändern. Oft stehen sie in einer inneren Spannung zwischen der Zuständigkeit von Vorgesetzten und der eigenen Gewissensentscheidung, zwischen institutioneller und persönlicher Ethik. Unter den neuen Bedingungen ist der weite Geist von Nöten, für den der Name von Bodelschwinghs steht.

Friedrich von Bodelschwingh der Jüngere, der Sohn des Bettlers, entwickelte die Vorstellung, dass die diakonische Gemeinde aus drei Kreisen besteht: aus den Mitarbeitenden, die Hilfe gewähren, aus den Menschen, die Hilfe suchen, und schließlich aus den Spendern, die diese Hilfe unterstützen. Heute wissen wir, dass auch Helfer Hilfe brauchen und dass auch Hilfsbedürftige helfen können. Wir wissen aber auch, dass helfendes Handeln nicht allein durch Staatszuschüsse, Pflegesätze und Sozialsysteme Bestand hat. Es ist auf die uneigennützige Unterstützung vieler einzelner angewiesen. Auch darin bleibt Bethel Vorbild.

Der Autor, Bischof Dr. Wolfgang Huber, ist Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

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