Moderner Vatikan : Der Papst geht ins Netz

Helmut Schümann
Helmut Schümann

Es gibt Personen, die sollten eigentlich gar nicht erwähnt werden. Namentlich. Nehmen wir zum Beispiel diese, na, äh, diese Dingens, die Schlagerkomponistentochter, die derzeit durch den australischen Busch krabbelt. Oder noch besser, diese Hotelkettenerbin mit der französischen Hauptstadt im Vornamen und sonst keinen Eigenschaften. Trotzdem ist sie eine kleine Quotenkönigin. Bei Youtube, wo man sich mehr oder weniger lustige Filmchen aus aller Welt anschauen kann. Inzwischen gibt es fast 85 000 Filmchen, in denen die Hotelkettenerbin auftaucht, die dann millionenfach angeklickt werden. Die Hotelkettenerbin ist eine bekannte Person.

Joseph Alois Ratzinger ist auch eine bekannte Person. Gemessen an Youtube und verglichen mit dem angesprochenen Persönchen ist er ein Niemand, selbst unter seinem Künstlernamen Papst Benedikt. Lächerliche 3630 Sequenzen mit ihm sind bei Youtube anzuschauen. Man kann natürlich nicht erwarten, dass der Papst videotechnisch an den Messias heranreicht. Von dem kursieren derzeit 392 000 Videos im Netz, und nun, nach seinem Amtsantritt am vergangenen Dienstag in Washington werden es gewiss täglich mehr. Die Hotelkettenerbin aber sollte der Papst schon aus amtlichen Gründen in die Schranken weisen.

Ab heute nimmt der Papst die Herausforderung an. In Zusammenarbeit mit der Suchmaschine Google bietet die Kurie auf Youtube den Vatikan-Kanal an. Man muss also künftig gar nicht mehr aufwendig in die Kirche gehen, um die frohe Botschaft zu hören. Einfach ein Mausklick und der Stellvertreter verkündet Gottes Wort per PC aus zweiter Hand.

Leider haben die Versuche der Kirche, modern zu sein, stets eine anbiedernde Anmutung. Frühere Versuche der Kirche sich etwa der Jugend zu nähern, endeten in Rock-Messen oder in Birkenstock-Sandalen. Eine Rock-Messe ist eine ebenso absurde Mesalliance wie es ein teuflischer Papst wäre. „Jesus Christ Superstar“, das 1971 uraufgeführte Musical zum Thema, hat auch keinen verlorenen Jünger heimgeholt, war aber für Freunde des Rocks eine grausame Heimholung.

Es steht andererseits der Spaßgesellschaft von Youtube sicherlich gut zu Gesicht, wenn die geistige Fallhöhe nicht bei der Hotelkettenerbin endet. Und vielleicht färbt ja der technische Fortschritt auch ein wenig auf die päpstlichen Inhalte ab, von denen mancher Punkt auch ein wenig Fortschritt verträgt. So viel Anbiederung darf sein. Schließlich steht nicht zu befürchten, dass der Papst zur Schäfchensammlung die Nachfolge der Schlagerkomponistentochter antritt.Helmut Schümann

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