Zeitung Heute : Modernes Heim, Glück allein

Der Tagesspiegel

Von Holger Wild

Dietrich Punzenreuther, Dr. Dietrich Punztenreuther, wie er zu betonen pflegt, ist Junggeselle. Er wäscht seine Socken selbst, bügelt recht oder schlecht seine Hemden, spült seine Gläser in der Maschine und ärgert sich über Kalkflecken ganz wie die Hausfrauen im Fernsehen. Die Gattin fehle ihm nicht, sagt er. Er komme im Haushalt sehr gut alleine klar. Seine Kumpels aber wissen, dass Didis Kühlschrank oft leer ist. Zum Essen lassen sie sich auch nicht wirklich gerne von ihm einladen: oft sind die Bratkartoffeln angebrannt, dazu das immer gleiche trockene Steak – naja.

Doch das ist Vergangenheit. Dietrich Punzenreuther hat eine Erbschaft gemacht – und die hat er am Sonnabend auf der Home-Tech in den Messehallen unter dem Funkturm auf den Kopf gehauen. Jetzt führt er den wahrscheinlich modernsten Haushalt Berlins. Ab jetzt sieht sein Leben so aus:

Am Morgen erwacht Dietrich verspannt. Irgendwie muss er sich verlegen haben des Nachts; seine linke Schulter schmerzt. Die zarten Hände einer Frau täten nun gut – aber kaum weniger der Massage-Sessel „Tokio 2008“. Er lehnt sich hinein, wählt das ganze Programm, und während Hartplastik-Massagerollen unter dem Lederbezug des Sessels ihr walkendes, rollendes, klopfendes Werk an Dietrichs Rücken vollführen, erfährt er „die neue Dimension einer Welt aus Luxus, Entspannung und Gelassenheit“. Gerade so, wie es der Prospekt versprochen hatte.

Entspannt und gelassen kleidet Dietrich sich nun an. Die am Vorabend gewaschenen Hemden entnimmt er seinem chinesischen Wäschetrockner. Auf der Home-Tech hatte er seine ganze Überredungskunst (und ein gehöriges Bestechungssümmchen) aufwenden müssen, um dem Vertreter sein Vorführgerät abzuschwatzen. Der Trockner ist noch nicht auf dem Mark – aber Dietrich musste ihn einfach haben. Er öffnet den Reiß verschluss des zylindrigen weißen Sackes, unter dem seine Hemden im einem warmen Luftstrom in drei Stunden so sanft getrocknet worden sind, dass alle Falten verschwunden sind. Bügeln – das war einmal, freut sich Dietrich und denkt noch einmal warm auch an die Messe-Hostess dieser Firma zurück, die ihn mit den Worten „das ist ideal für Singles“ gleich richtig angesprochen hatte. „Kann man überall hin mitnehmen“ – auch dies nicht das schlechteste Argument.

Es klingelt: das ist der Postbote, der auch die neuen Staubsaugerbeutel bringt. Sein Staubsauger hat sie selbsttätig übers Internet bestellt, da nur zwei verblieben waren.

Im Büro surft er ein wenig im Internet: Er wählt seinen neuen Ofen an und lässt sich von diesem verschiedene Rezepte vorschlagen. Am nächsten Tag will er seinen Kumpels all seine Neuerwerbungen vorstellen. Der Ofen nennt Zutaten und Garzeiten. Er kann nachher noch einkaufen, das Kartoffelgratin schon mal vorbereiten und in den Ofen stellen. Dieser sorgt dann dafür, dass es morgen zum richtigen Zeitpunkt und mit der richtigen Temperatur erhitzt wird und punktgenau fertig ist, wenn die Gäste am Tisch sitzen. Und sollte er morgen doch länger im Büro bleiben müssen, dann kann er per Internet den Ofen auch wieder umprogrammieren. Das Steak zu braten wird mit den Sensor-Kochfelderm seines neuen Herdes auch kein Problem darstellen. Sie braten richtig an und weiter, und er kann sich währenddesssen die Krawatte umbinden.

Dazu soll es Wein geben. Aus Omas guten Kristall-Gläsern. Als er wieder zu Hause angelangt ist, füllt Dietrich seine neue Geschirrspülmaschine. Ein sensationelles Produkt! Mit der „OptoSensor“-Technik ausgerüstet, erkennt die Maschine Kalkflecken, bevor das menschliche Auge auch nur einen Schleier wahrnimmt. Dann verändert sie die Wasserhärte – Omas Kristall wird blitzen wie nie! Den Wein lagert er jetzt in der „Vinothek“, einem formschönen, edlen Schrank, der genau die richtige Temperatur für die edlen Tropfen hält.

Mit seinem Staubwedel „Dust-Tamer Deluxe“ beginnt Dietrich, seine Regale zu säubern. Es ist der weltweit erste Staubwedel mit Saugvorrichtung, die den Staub von dem Wedel saugt und so wieder säubert. Staubsaugen muss Dietrich leider noch selbst – dabei hatte Siemens auf der Messe schon einen Prototyp eines Saugers vorgestellt, der selbsttätig durch die Wohnung fährt und saugt, dabei Teppich und Dielen unterscheiden kann und Hindernissen ausweicht. Leider jedoch half in diesem Fall auch kein Bestechungsgeld: Das Produkt ist noch nicht serienreif.

Glücklich begibt sich Dietrich Punzenreu.ther am Abend ins Bett. Eine Frau? Wozu braucht er eine Frau!

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