Modetrends des Sommers : Was trägt Robinson am Freitag?

Packen für die Trauminsel: Korkschuhe, Pyjama, Strohhut - und die Bücher zur Sommermode 2009.

Sebastian Leber
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Tragbar. Die Schnitte der Saison.Fotos: Fotex, AFP, p.a.dpa(2)

Die weiße Massai


Der Trend des Sommers: Afrika-Style. Das heißt: leichte Stoffe mit Leoparden- oder Pythonmustern, Fransen und Federn, dazu Armbänder aus Leder oder Holz. Muss alles nicht aus Afrika sein, bloß danach aussehen. Die Accessoires vergangener Ethnotrends – Indianerketten und indische Tempeltücher – lassen sich problemlos ins Gesamtensemble integrieren. Nur Vorsicht vor Kitsch. Das rät schon ein altes Sprichwort aus dem Kongo: Wo schöne Dinge wachsen, da sind auch viele Dornen.

Liebe Dich selbst
Die neue In-Farbe heißt „Nude“ – hautfarben. Also Käseweiß bis Champagner, je nachdem. Bis man herausgefunden hat, welcher Ton zu einem passt, kann der Sommer leicht rum sein. Und nach dem Einkauf muss man dringend die Sonne meiden, um nicht nachzudunkeln. Empfohlene Urlaubsziele: Sibirien, England, Ibiza bei Nacht.

Alles ist erleuchtet
Der zweite Farbtrend des Sommers ist das genaue Gegenteil: knallig bunt und wild miteinander kombiniert. Zum Beispiel Kanariengelb mit Zinnoberrot auf Cyan. Wer Angst hat, es zu übertreiben, achtet einfach auf die feinen Signale in seiner Umgebung: Wenn der Vermieter mit Kündigung droht, Haustiere verenden und der Busfahrer einen nicht mehr einsteigen lässt, dann ist es genau richtig.

Gomorrha
Keine Saison ohne 80er-Revival. Diesmal: extrem breite Schultern bei Blusen, Jacken und Hemden. Prinzip: American-Football- Kampfanzug. Völlig ungeeignet für belebte Fußgängerzonen, Drehtüren, Easyjet-Sitzreihen. Von allen Modeirrtümern des Jahrzehnts wartet jetzt bloß noch das neongrüne Schweißband auf ein Comeback. Armes 2010.

Simplify your life
Eine gute Nachricht für Kfz-Mechaniker und Astronauten: Der Overall ist wieder schick. Kein Grübeln mehr, ob oben und unten zusammenpassen, jetzt ist alles Jacke wie Hose. Einfach reinschlüpfen und gut aussehen. Für Frauen empfiehlt sich der einteilige Hosenanzug, Jumpsuit genannt, beispielsweise aus Chiffon oder Seide. Gürtel, Raffungen und Tunnelzug helfen gegen Kartoffelsack-Assoziationen.

Das Schicksal der Zwerge
High Heels sind weiter Standard, dieses Jahr werden sie vermehrt mit Riemchen getragen. Die Absätze erreichen inzwischen bis zu 17 Zentimeter – sehr zur Freude der Youtube-Gemeinde: Die Zahl der Filme mit stolpernden Laufsteg- Models steigt ständig. Tommy Hilfiger, Benetton und Strenesse haben Absätze aus Kork in ihre Kollektionen aufgenommen. Vorteil: Die Dinger schwimmen oben, wenn man sie im Meer verliert. Nachteil: Sie reizen zum Dranrumpulen, bis große Löcher drin sind. Eine wissenschaftliche Studie behauptet übrigens, Pfennigabsätze lösten paranoide Schizophrenie aus. Aber das wollen die uns nur einreden.

In der Strafkolonie
Das Partyspiel der Saison: Ringelpiez mit Anlassen. Überall sieht man jetzt Querstreifen, auf Hemden, Longsleeves, Röcken, egal ob schwarz-weiß wie im Knast oder blau-weiß wie an Deck. Den Marine-Look können Frauen durch Seepferdchen-Ketten oder rot gepunktete Seidentücher verfeinern, Männer durch einen aufgedruckten Anker.

Außer Dienst
Der Pyjama ist das am meisten unterschätzte Kleidungsstück der Geschichte. Zum Beispiel 1922: Der Vertrag von Rapallo kam nur zustande, weil die Delegierten am Vorabend in lässigen Schlafgewändern die letzten Details abstimmten. Nun wird der Pyjama endlich geadelt – ab sofort kann man ihn auch tagsüber in der Freizeit tragen, etwa aus Satin. Dolce & Gabbana sprechen vom „It-Piece der Saison“. Achtung: Er soll nur aussehen, als käme er direkt aus dem Bett. Müffeln ist verboten.

Der Turm
Das kann sich nur ein Vollglatzenträger ausgedacht haben: 2009 wird das Jahr des Mittelscheitels. Besser, man verdeckt das Grauen mit einem Hut: Beim Mann ist er aus Wollfilz, bei der Frau aus Wolle oder Stroh, gerne auch breitkrempig und mit Netzschleier. Wichtig: immer zu eleganten Outfits tragen, nie zu verspielten.

Generation Doof
Dass Jeans vor Verkauf gescheuert und geritzt werden, damit sie möglichst getragen wirken, ist bekannt. Doch nach dem „Used“-Look kommt jetzt der „Destroyed“-Look. Da sieht die Hose aus, als sei eine Tram drübergefahren. Ist sie natürlich nicht, die Stoffe werden sorgfältig zerschnitten, deshalb sind sie teurer als normale. Egal, die jungen Leute stehen drauf. Nächstes Jahr kommen Jeans mit Matschkruste und Schimmelkulturen. Aber ganz wichtig: Sie müssen fabrikneu sein, Secondhand ist wahnsinnig out.

Das perfekte Chaos
Endlich Schleppen tragen, ohne heiraten zu müssen. Bei den neuen asymmetrischen Schnitten ist mal ein Ärmel länger als der andere, mal fehlt ein Träger. Und Kleider gibt’s in der Version Vokuhila: Vorne kurz, hinten lang. Heidi Klum wollte letztes Wochenende Trendsetter sein und trug so eins bei der Oscar-Verleihung. Es wurde gleich zum hässlichsten Fummel des Abends gewählt.

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
Falls es zwischendurch nieselt, holen Frauen ihre leichten, sandfarbenen Trenchcoats aus dem Schrank. Nicht vergessen: Die Gürtel werden geknotet. Stoffjacken haben jetzt Safari-Look, mit riesigen Außentaschen.

Was bleibt
Stück Stoff auf vier Buchstaben? Schlüpfer. Weil sich der revolutionäre One-Hand-Slip – in den steigt man nicht, den legt man sich an und reißt ihn später am Klettverschluss ab – noch immer nicht im  Massensegment durchgesetzt hat, wird 2009 das Jahr der dezenten Klassiker: wenig Spitze, am besten in den Farbtönen Kaffee, Papyros oder Papaya. Männer tragen weiter Boxershorts, am besten von Duluth Trading. Die US-Firma hat gerade Shorts mit hohem Spandex-Anteil eingeführt. Der wirkt angeblich geruchsabsorbierend. Projektname: Stink-Free.

Die Überschriften sind Buchtitel von Corinne Hofmann (1998), Eva-Maria Zurhorst (2007), Jonathan Safran Foer (2002), Roberto Saviano (2007), Marion und Werner Küstenmacher (2005), Markus Heitz (2008), Franz Kafka (1919), Helmut Schmidt (2008), Uwe Tellkamp (2008), Anne Weiss und Stefan Bonner (2008), Eric Abrahamson, David Freedman und Christoph Bausum (2007), Christian Kracht (2008), Christa Wolf (1990).

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