Zeitung Heute : Module zwischen Mandelbäumen

Deutsche Technik verwandelt in Spanien Sonnenlicht in Strom – gerade wegen ihrer Belastbarkeit sind diese Solarzellen gefragt

Alexander Morhart

Von Berlin aus kann man direkt nach Alicante an der ostspanischen Costa Blanca fliegen. Die Autobahn ins Landesinnere führt nach einer halben Stunde über einen Pass und wieder ein Stück abwärts. Dann rechts die Bundesstraße Richtung València. Nach etwa zehn Minuten durch fast endlose Reihen von Oliven- und Mandelbäumen liegt rechts Beneixama, und weiter hinten links schimmert etwas bläulich wie eine Gruppe von zwei oder drei Seen. Auf Spanisch schreibt man den 2400-Einwohner-Ort „Benejama“, aber wir sind in Katalonien. Die Leute sprechen es „Benechrama“ aus. Noch einen Kilometer weiter, und man sieht: Das links sind keine Seen. Die Fläche zieht sich den Hang bis vor den nächsten Gebirgszug hinauf. Sie besteht aus Glas, Siliziumkristallen und Metallen.

Dass sich die langen Reihen der Solarmodule, rund 160 000 Quadratmeter insgesamt, zu einem riesigen „H“ gruppieren, ist Zufall. Die Grundstücke waren eben frei – Standflächen für das größte Photovoltaik-Kraftwerk der Welt, als die mehr als sechs Millionen Solarzellen im August 2007 zum ersten Mal ihre insgesamt 20 000 Kilowatt Spitzenleistung in die drei weißen Hallen mit den Transformatoren und Wechselrichtern drückten. Inzwischen ist der Kilowatt-Pokal 50 Kilometer weiter nach Westen gewandert – 3000 mehr sind es dort. Trotzdem: Bis zum Jahr 2032 wird dieses Kraftwerk 750 000 000 Kilowattstunden Solarstrom über ein Erdkabel zum nahegelegenen Einspeisepunkt des spanischen Energieversorgers Iberdrola liefern.

Die Investoren – Unternehmen aus der spanischen Immobilienbranche – bekommen von Iberdrola dafür im Laufe der Jahre 330 Millionen Euro. Für den Bau mussten sie 120 Millionen Euro investieren. Womöglich werden die Geldgeber aber davon noch etwas zurückbekommen. Denn es könnte gut sein, dass die Projektfirma die technischen Anlagen 2032 von ihnen zurückkauft, um das Ganze abzubauen und zum Teil woanders weiter zu verwenden. An den Modulen würde das jedenfalls nicht scheitern, so Stephan Brust von City Solar: „Manche Module bringen nach 30 Jahren noch 96 Prozent der Leistung“. Das Baujahr 2007 war übrigens wohl gut gewählt, denn nach den Plänen der Regierung soll die gesetzlich festgelegte Einspeisevergütung Ende September 2008 von heute 44 Cent auf 31 Cent je Kilowattstunde gekürzt werden. Große Entwickler wie die vor fünf Jahren gegründete City-Solar-Gruppe – mit guten Einkaufskonditionen bei den Modulherstellern – werden dann aber wohl immer noch rentable Projekte anbieten können. Das rheinland-pfälzische Unternehmen hat das Kraftwerk bei Beneixama geplant und gebaut. Bis Mitte 2009 gibt es bereits Überlegungen für insgesamt weitere 30 000 Kilowatt.

Aber vorher werden erst einmal „Mahora“ mit 15 000 Kilowatt und „Alconchel“ mit 10 000 Kilowatt gebaut. Zum großen Teil von Arbeitern aus der Umgebung, wie bei Beneixama auch. Wie hier werden für je 10 000 Kilowatt installierte Spitzenleistung fünf dauerhafte Arbeitsplätze entstehen. Und nicht anders als hier werden wohl die Solarmodule nicht aus der Region, ja nicht einmal aus Spanien, sondern zum Beispiel aus Berlin (Solon AG) und aus Prenzlau (aleo solar AG) geliefert werden. Die Wechselrichter, die den Gleichstrom der Module in transformierbaren Wechselstrom verwandeln, liefert Siemens. Die Transformatoren, das Erdkabel und die vielen kleineren Kabel im Gelände zu den Solarmodulen – ebenso. Und die Solarzellen, die in den Modulen verbaut, sind kommen aus Thalheim bei Bitterfeld (Q-Cells AG). 90 Prozent der in Beneixama verarbeiteten Solartechnik stammt aus Deutschland.

José Jorge Belda, einer der Projektentwickler, drückt es so aus: „Deutschland produziert eine große Anzahl an Zellen. Daher haben sie dort nicht nur eine große Erfahrung, sondern die Zellen haben auch eine hohe Effizienz. Und sie haben natürlich auch eine große Erfahrung mit Temperaturschwankungen. Und genau die brauchen wir hier in dieser Anlage in Spanien.“ Costa-Blanca-Urlauber kennen das, auch wenn das Klima 690 Meter tiefer und direkt am Meer schon wieder ein bisschen anders ist: Zwar gibt es im Winter selten Frost. Aber im Juli und August sind 40 Grad keine Seltenheit, und in derselben Nacht kann das Thermometer auf unter 20 Grad stürzen – nur um wenige Stunden später wieder Richtung 40 zu klettern.

Immerhin hilft die Existenz des Kraftwerks mit, dass Temperaturextreme in den kommenden Jahrzehnten die Zellen des Kraftwerks, die Menschen am Mittelmeer und anderswo sowie das Ökosystem insgesamt nicht noch stärker belasten. Denn im Gegensatz zu dem Kohle-Heizkraftwerk, das bei Beneixama ursprünglich geplant, aber 2005 am Widerstand von Bürgerinitiativen und Lokalpolitikern gescheitert war, kommt aus den Solarmodulen kein Gramm Kohlendioxid. Und auch dann, wenn man die Herstellung des Solarkraftwerks vom Quarzsand für das Silizium bis zu den Akkuschraubern der Bauarbeiter von Beneixama mit einrechnet, entsteht dabei nur ein Bruchteil des Klimagases wie für die gleiche Strommenge aus Kohle. Genauso nur ein Bruchteil anderer schädlicher Stoffe wie Stickoxide & Co. Auch wer die schönfärberische Sprache mancher Marketingleute nicht mag, findet angesichts solcher Fakten vielleicht die in Spanien geläufige Bezeichnung „Huerta Solar“ („Solargarten“) nicht nur poetisch, sondern auch ein bisschen passend. Obwohl unter und zwischen den Gerüsten, die die Solarmodule tragen, weniger wächst als in den angrenzenden Plantagen oder auf den dahinterliegenden Berghängen. Übrigens haben die Planer der City-Solar-Gruppe bei der Namensgebung lieber auf den deutschen Euphemismus „Solarpark“ zurückgegriffen („Parque Solar Fotovoltaico“). Was zumindest akustisch sehr angemessen ist. So wie es in einem richtigen Park angenehm ruhig ist oder doch sein sollte, so verrichten die Solarzellen still ihre Arbeit – hier wie an mehr als zwei Dutzend anderen spanischen Standorten mit Anlagen der Größenklasse ab 4000 Kilowatt. Nicht immer mit deutschen Projektentwicklern, aber oft mit Technik aus Alemania. Die wurde seit der Neufassung 2004 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes an Freiflächenanlagen wie dem 4000-Kilowatt-Projekt in Saarbrücken erprobt und weiterentwickelt. Aus verschiedenen Gründen blieb zwar der Anteil der Freifläche am Photovoltaik-Gesamtmarkt unter zehn Prozent. Doch das reichte der inländischen Solarwirtschaft offenbar, um in kurzer Zeit genügend Kompetenz für Exporterfolge aufzubauen und auch den potenziellen spanischen und anderen internationalen Kunden zu demonstrieren. Glaubt man dem Branchenverband, so könnte es damit allerdings bald vorbei sein. Schon in den letzten Jahren hatte das Erneuerbare-Energien-Gesetz die konstante Vergütung für Strom aus Freiflächenanlagen mit jedem Jahr später des Betriebsbeginns um 1,5 Prozentpunkte schneller abgesenkt als bei den Dachanlagen, und das von einem deutlich niedrigeren Anfangsbetrag aus. Studien im Auftrag des Bundesumwelt- und des Bundeswirtschaftsministeriums hätten, so die Solarwirtschaft, ergeben, dass manche Projekte auf der freien Fläche jetzt schon nicht mehr rentabel seien. Dennoch sehe der neue Gesetzentwurf vor, die jährliche Vergütungsdegression bei Freiflächen von derzeit noch 6,5 Prozent auf 9,8 Prozent für 2009 hochzusetzen. Auch die Werte für die Folgejahre seien zu hoch und „lassen das Exportsprungbrett letztlich abbrechen“, befürchtet der Branchenverband.

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