Zeitung Heute : Möbel zusammenschrauben

Andreas Conrad

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

Die Kiste hat schon einiges mitgemacht. Geradezu historisch ist sie zu nennen, stammt sie doch aus der Produktion der Firma Ikea, als diese sich noch „das unmögliche Möbelhaus aus Schweden“ nannte und der Elch zugleich ihr Wappentier und Maskottchen war. Knapp 20 Jahre alt, von der Schwester zur Einrichtung der Osnabrücker Studentenwohnung gekauft, später mit umgezogen nach Hannover, seit gut zehn Jahren auf einem Celler Spitzboden gelagert – ohne Funktion. Aber jetzt wurde die Kiste, offiziell ein Bettkasten mit nicht mehr feststellbarem Namen, reaktiviert. Ein kleiner Mann ist seinem Babymobiliar entwachsen, bedarf einer neuen Einrichtung, die nicht allzu teuer sein soll, aber doch solide. Und weiß Gott, das ist die Kiste. Sie in einem Stück vom Boden zu bugsieren, erwies sich als unmöglich. Leicht hätte man beim Versuch erschlagen werden können, kurz davor wurde er abgebrochen. So ein Gewicht ist heute undenkbar, auch in der Montagetechnik sind Fortschritte erkennbar. Zweiteilige Schrauben? Viel zu teuer. Und die neuerdings im Griffbereich handschmeichlerisch gerundeten Imbusschlüssel waren damals noch durchgehend mit Kanten versehen. Alles ist eben seither glatter, stromlinienförmiger geworden, selbst an einem billigen Handwerkzeug aus dem Norden ist dieser Wandel der Zeiten ablesbar.

So ein antiker Kasten ist natürlich nur ein Anfang, doch wie sich beim Besuch eines der drei Berliner Ikea-Häuser bald feststellen ließ – ästhetisch sind alter Bettkasten und neues Bett durchaus kompatibel. An solche Filial-Vielfalt war beim Kauf der Ur-Kiste nicht zu denken. In West-Berlin gab es die Schwedenmöbel gerade mal in Spandau, in einem Bau von, verglichen zu heute, bescheidenen Ausmaßen. Alles mögliche und unmögliche konnte man dort erwarten, nur eben nicht Eleganz zum Zusammenschrauben. Die kam erst später, worüber leider der Elch dran glauben musste. Aber vielleicht ist das auch besser so: Wäre man bei dem alten Maskottchen geblieben – was hätte es für internationale Verwicklungen gegeben, als die A-Klasse von Mercedes-Benz ausgerechnet im Elchtest scheiterte.

Ikea-Filialen im Gewerbehof 10 in Spandau, am Sachsendamm 47 in Schöneberg-Tempelhof und Am Rondell 8 in Waltersdorf.

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