Zeitung Heute : Möchtest du nach dem Essen darüber reden?

Der Tagesspiegel

Von Gerlinde Unverzagt

Kinder erziehen ist schön, macht aber viel Arbeit – in dieses Bonmot von Karl Valentin über die Kunst im allgemeinen könnten Eltern getrost die Kunst, ein Kind zu erziehen, mit einbeziehen. Glaubt man den Autoren des „Step“-Elterntrainings, handelt es sich jedoch bei dieser Herausforderung, die Eltern im allgemeinen unvorbereitet trifft, um ein Handwerk – und das kann man lernen. Zwischen Hü und Hott von Verwöhnen und Fordern scheint Erziehung heute mehr denn je zur Sisyphosaufgabe geworden zu sein – zum Projekt vergeblicher Liebesmüh, das scheitern muss, weil es Ungelernte auf Unerfahrene loslässt.

Das Angebot an gängiger Ratgeberliteratur ist riesig und formiert sich gerade neu. Lebenshilfe für genervte Eltern kommt als mediales Kompaktangebot ins Haus – als Buch und Video. „Step“ steht für systematisches Elterntraining. In den vergangenen zwanzig Jahren haben in den USA vier Millionen Eltern an solchen Step-Kursen teilgenommen. Die Ziele des Programms sind, wie die Autoren schreiben: „das Fehlverhalten unserer Kinder zu verstehen, neu zu interpretieren und als Eltern bewusst anders als erwartet zu reagieren; unsere Kinder als glückliche und verantwortungsbewusste Menschen in die Welt zu entlassen und außerdem eine lebenslange, gute Beziehung zu ihnen zu haben.“

Heraus gekommen ist ein Bündel ebenso kühler wie praktischer Handlungsanleitungen für den täglichen Umgang mit dem nörgelnden, bockigen, quengelnden Kind. In fünf Kapiteln werden die Grundlagen einer demokratischen Erziehung erörtert, die Spielszenen im Video illustrieren. Dabei wechseln Szenen und Merksätze im Video wie Beispiele und Checklisten im Buch, unterbrochen von kurzen Texthappen, in denen hilfreiche Unterscheidungen zwischen Strafe und Disziplin, Lob und Ermutigung dazu ermuntern, das eigene Verhalten im familiären Störfall noch einmal zu überdenken, um dann mit den besten Vorsätzen und Methoden für den nächsten Zusammenstoß gewappnet zu sein. Die deutschen Herausgeberinnen beabsichtigen, in allen größeren Städten Deutschlands Kurse anzubieten.

Belastungsproben wie exzentrische Schlaf- und Essgewohnheiten, Trotz, Zerstörungswut, Lügen, Angriffslust, Ungehorsam und was sonst noch alles vorkommt, lösen sich unter Anwendung der Step-Strategien in Wohlgefallen auf, sofern Eltern sich des gesamten Arsenals richtiger Reaktionen bedienen können. Zunächst gilt es das Ziel des Fehlverhaltens zu erkennen: Hinter Rache und Machtproben verbirgt sich meist der Wunsch nach Aufmerksamkeit der Eltern. „Wie fühle ich mich? Wie habe ich reagiert? Wie hat mein Kind reagiert?“ lauten die drei Fragen, die Eltern im Clinch mit dem Kind zu beantworten versuchen müssen, um richtig zu reagieren – und das heißt: So zu reagieren, dass das Fehlverhalten des Kindes nicht gefördert wird. Ein Beispiel: Die siebenjährige Hildegard sagt im Auto auf dem Weg zum Ballett zu ihrer Freundin: „Meine Mutter ist die dümmste Frau der Welt.“ Wie soll die Mutter reagieren? Die Autoren schlagen vier Möglichkeiten vor: Sie kann darüber nachdenken, warum Hildegard in letzter Zeit frech ist, ob sie sich vielleicht rächen möchte, und ihre Frechheit erstmal ignorieren. Sie kann ihrer Tochter später sagen, dass sie sich nicht respektiert fühlt, wenn sie sie beschimpft. Sie kann aber auch „aktiv zuhören“: „Du scheinst wütend zu sein, sollen wir darüber sprechen?“ Und viertens kann sie Hildegard Wahlmöglichkeiten geben: „Ich fahre dich zum Ballett, wenn du dich respektvoll verhältst. Wenn nicht, bleibst du lieber zu Hause. Du entscheidest.“

Menschliches Verhalten sei von Anfang an darauf ausgerichtet, ein Gefühl von Zugehörigkeit herzustellen, betonen Autoren und Herausgeber. „Wenn einem Kind dies auf positive Art nicht gelingt, fühlt es sich entmutigt und versucht das Ziel der Zugehörigkeit mit störendem Verhalten zu erreichen.“ Übung macht auch hier den (Erziehungs-) Meister: Das aktive Zuhören beispielsweise, als Gesprächsstrategie Thomas Gordons Klassiker „Die Familienkonferenz“ entlehnt, soll dazu dienen, die Gefühle aus dem Gesagten herauszuhören.

Es mag zwar am Anfang hölzern klingen, angesichts des schimpfenden Kindes nicht etwa zu sagen: „Stell dich nicht so an und hör auf zu jammern“, sondern: „Es scheint mir, dass du entmutigt bist. Möchtest du nach dem Essen darüber reden?“ Diese Antwort zeige aber dem Kind, dass man seine Gefühle achte, verstehe und akzeptiere, auch wenn sein Fehlverhalten in Gestalt von Türenknallen oder Tassenwerfen auf unsere Missbilligung trifft.

Die Step-Strategen verschaffen Eltern eine Art Sicherheitsabstand, der ihnen erlaubt, Herr der Lage zu bleiben. Vielleicht wirkt das Elterntraining deshalb so kühl und imperativ – die Strategien erlauben den Eltern aus der Beziehung auszusteigen und sich vom Kind zu distanzieren, leidenschaftslos, ohne Zorn und Eifer, Fehlverhalten zu unterbinden. Oder, wie Rudolf Dreikurs einmal gesagt hat, „Eltern lernen, ihr Segel aus dem Wind zu nehmen, den das Kind macht.“

Gerlinde Don Dinkmeyer Sr., Gary McKay, Don Dinkmeyer Jr.: STEP – Systematisches Training für Eltern. Video und Handbuch, herausgegeben und übersetzt von Trudi Kühn, Roxana Petcov, Linda Pliska, Beust Verlag 2001 Buch 15, 90 Euro, Video 25,46 Euro.

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