Zeitung Heute : Mödlareuth

Die letzten Tage vor der Wahl:

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Mödlareuth ist das einzige Dorf, das bis 1990 halb zur DDR und halb zur BRD gehört hat. In der Mitte des Dorfes verlief eine Mauer, deswegen wurde Mödlareuth auch „Little Berlin“ genannt. In irgendsoeinem Vertrag aus dem Jahre 1810 wurde nämlich als Grenze zwischen dem Fürstentum Reuß und dem Königreich Bayern der Tannbach festgelegt. Und der Tannbach fließt nun mal mittenmang durch Mödlareuth.

Hundert Meter Mauer und Grenzbefestigung stehen noch, Wachtürme, Selbstschuss und Hundelaufanlagen, das alles bildet ein „Museum zur Geschichte der deutschen Teilung“. Die Mauer sieht schön aus. Sie ist blitzsauber geweißelt wie ein bayrisches Spritzenhaus. In dem historischen Film aber, der im Museumsgebäude gezeigt wird, ist die Mauer dreckig und rostfleckig. Und da steht auch schon der Chef von Mödlareuth.

Arndt Schaffner (West) leitet das Museum. Arndt Schaffner ist groß und kräftig, ein gestandenes Mannsbild. Laute Stimme. Stoppelbart. Früher arbeitete er für das Innerdeutsche Ministerium, beobachtete hier in der Gegend die Grenze, drehte Aufklärungsfilme über die DDR. Mödlareuth gehört jetzt halb zu Bayern, halb zu Thüringen, zwei Postleitzahlen, zwei Telefonvorwahlen, zwei Wahlkreise, zwei Bürgermeister, die aber beide in entfernten Kleinstädten sitzen, Töpen und Gefell. Der einzige sozusagen Offizielle vor Ort ist Arndt Schaffner vom Teilungsmuseum. Das Museum schafft acht Arbeitsplätze. Mödlareuth hat 55 Einwohner.

Der Bach ist an manchen Stellen nur 60 Zentimeter breit. Ein Unterschied zwischen den Leuten oder den Häusern auf beiden Seiten des Baches ist nicht zu erkennen. „Im Ostteil leben 36 Personen, 19 im Westteil“, erzählt Schaffner. „Fast alles Bauern oder Altbauern. In Mödlareuth ist die Wiedervereinigung geglückt. Keine Probleme. Man feiert zusammen, errichtet den Maibaum…“ „Gibt es Ost-West-Paare?“ „Nein. Mödlareuth ist überaltert. Eine junge Generation existiert nicht.“ „Und die Bundestagswahl?“ „Das ist der einzige Wahltermin, der fürs ganze Dorf gilt. Im Westen wählen die meisten CSU, im Osten CDU. Bauern wählen immer schwarz. Kein Problem.“

Bei seiner Museumsführung erzählt er, dass der Metallzaun für die Grenze von einer westdeutschen Firma an die DDR geliefert wurde. Im Bach gab es ein Gitter, das war weitmaschig genug für Entenküken. Da haben die Westmödlareuther immer mit ihrem Westfutter die Enten der Ostmödlareuther rübergelockt, später gab es dann Entenbraten.

Zwei Reisebusse kommen an. Dem einen Reisebus entströmen Japaner, dem anderen Italiener, beides Studentengruppen, 20 bis 25 Jahre alt, Germanisten. Im Biergarten, nach der Teilungsbesichtigung, versuchen die Japaner mit den Italienerinnen zu flirten, alle sprechen Deutsch mit starkem Akzent. Japaner und Italienerinnen, dies wäre mal ein eher unproblematisches Ost-West-Thema.

Dann gehe ich zu einer Museumsmitarbeiterin und frage: „Wie wird in Mödlareuth eigentlich gewählt?“ Sie: „Im Westteil CSU, im Ostteil PDS. Das ist hier wie überall.“ Dann werfe ich den Computer an und finde heraus, dass Mödlareuth, Little Berlin, im Ostteil tatsächlich in einem linken Wahlkreis liegt, viel SPD und PDS, schwache CDU, während der Westteil eine CSU-Festung darstellt. Und am Dorfteich hat das Museum, also Arndt Schaffner, eine Tafel aufgestellt mit der Inschrift: „Nur wer die Vergangenheit kennt, wird die Gegenwart verstehen“. Dahinter schwimmen Enten.

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