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Anknüpfen an goldene Zeiten: Musical und Revue.

„Tanz der Vampire“ von Roman Polanski im Stage Theater des Westens – im Bild Vampirgraf von Krolock. Foto: Stage/Eventpress
„Tanz der Vampire“ von Roman Polanski im Stage Theater des Westens – im Bild Vampirgraf von Krolock. Foto: Stage/EventpressFoto: Eventpress Radke

Ach ja, die Zwanzigerjahre! Wo immer es in Berlin um Unterhaltung geht, wird die vermeintlich goldene Epoche hauptstädtischer Entertainmentkultur beschworen. Dabei war natürlich auch damals schon das Allermeiste Talmi, falscher Flitter, Kleinkunst, durch geschickte Effekte groß gezaubert. Rund um die Friedrichstraße zogen die Revuehäuser zwischen den Weltkriegen die Massen aus der Provinz in ihren Bann. Am Kudamm dagegen etablierte sich eine ganze Reihe kleiner Spielstätten, in denen das politische Kabarett gepflegt wurde, mit zunehmendem Lebensrisiko für die Darsteller, je breiter sich der Nazi-Mob machte.

Heute haben die profitorientiert geführten Musical-Theater die Rolle der Revue-Bühnen übernommen – als letzter Leuchtturm seiner Art ragt nur noch der Friedrichstadtpalast hervor. Da das Traditionshaus seit dem Amtsantritt von Intendant Bernd Schmidt überraschend und dauerhaft vom Publikum gestürmt ist, beteiligt man sich nicht an der Langen Nacht der Opern und Theater, sondern zeigt am 28. April lieber vor zahlenden auswärtigen Gästen seinen Dauerbrenner, die „Yma“-Show. Die Stage Entertainment ist immerhin mit einer ihrer Berliner Filialen dabei, nämlich dem Theater des Westens. Der holländische Unterhaltungsgigant betreibt die allermeisten Musical-Theater in Deutschland, in Berlin auch noch das Theater am Potsdamer Platz, wo derzeit „Hinterm Horizont“ mit Musik von Udo Lindenberg läuft. Bei der Langen Nacht promotet Stage Entertainment nun aber nur Roman Polanskis „Tanz der Vampire“, einen ihrer Repertoirehits, den sie schon durch alle Spielstätten gejagt hat und der auch im Theater des Westens zu sehen war.

Die Off-Bühnen, die am 28. April im Bereich der leichten Unterhaltung punkten wollen, beschwören allesamt die großen Kleinkünstler der Zwanzigerjahre: Das „Theater unterm Turm“ in der Kirche am Hohenzollerndamm präsentiert eine Hommage an Karl Valentin zu dessen 130. Geburtstag, in der Neuköllner Oper wird unter dem Motto „Das gibt’s nur einmal“ dem UFA-Komponisten Werner Richard Heymann gehuldigt. Gleich nebenan, im Heimathafen Neukölln, gibt es Auszüge aus „Zwei Krawatten“ zu sehen, jener Revue, mit der Marlene Dietrich der Durchbruch gelang.

Ebenso gute wie alte Schlager beschwört die Hauptstadtoper zu mitternächtlicher Stunde, wenn dort gefragt wird „Was macht der Mayer am Himalaya?“. Die Vagantenbühne schließlich feiert Friedrich Holländer – und zwar an authentischem Ort: Mit dem Geld, das er für seine Musik zum „Blauen Engel“ verdient hatte, eröffnete Holländer 1931 in der Kantstraße 12 sein zeitkritisches „Tingel Tangel“, just an dem Ort, an dem die Vagantenbühne heute spielt.

Oben drüber, im Theater des Westens, steht demnächst übrigens ein echter Coup de Théâtre an: Dort nämlich, so hört man, will die Stage Entertainment als Nachfolger der „Vampire“ kein Musical aus dem eigenen Fundus präsentieren, sondern erstmalig ein Theaterstück, importiert nicht vom Broadway, sondern von jenseits des Ärmelkanals. Das wäre nun wirklich mal was Neues! Frederik Hanssen

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