Zeitung Heute : Möllemann aus der FDP ausschließen? Noch 18 Wochen bis zur Wahl

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Lieber P.,

ich habe dieser Tage ein wenig in der Vergangenheit herumgeblättert und bin auf folgende interessante Information gestoßen: Guido Westerwelle wurde im Frühjahr 1961 gezeugt und am 27. Dezember 1961 geboren. Das war, wenn wir die Geschichte einmal ganz aus der parteipolitischen Sicht betrachten, das ganz große Jahr der deutschen FDP. Erich Mende, ein Vorgänger Guido Westerwelles, vermasselte damals Konrad Adenauer die absolute Mehrheit und erzielte das beste Bundestagswahlergebnis für die FDP überhaupt: 12,6 Prozent – ein „Allzeithoch“, bzw. all-time-high, würden wir heute sagen. Du siehst also: Es ist Schicksal. Die politische Herausforderung wurde Guido Westerwelle in die Wiege gelegt.

Nun ist zweitens zu beachten, dass Erich Mende seinerzeit nicht nur die Latte legte, an der sich anschließend Generationen von FDP-Vorsitzenden vergeblich versuchten. Er verschaffte der FDP auch den Ruf der „Umfaller-Partei“, an dem sie mehrere Jahrzehnte lang litt. Das war auf den Umstand zurückzuführen, dass Erich Mende im Wahlkampf sein Wort gegeben hatte, eine Regierungsbildung mit CDU und CSU nur zu akzeptieren, wenn der Bundeskanzler nicht wiederum Konrad Adenauer heißen würde.

Zwei Monate nach der Bundestagswahl hieß er, zum vierten Mal, Konrad Adenauer, gewählt mit den Stimmen seines neuen Koalitionspartners FDP. Zu vermerken wäre noch, dass Mende, der sein im Zweiten Weltkrieg erworbenes Ritterkreuz bei feierlichen öffentlichen Anlässen gerne zur Schau stellte, eine erhebliche Anziehungskraft auf national eingestellte Wähler ausübte, die in jenem politisch hoch aufgeladenen Wahljahr 1961 scharenweise der FDP zuliefen.

Am Rande sei hinzugefügt, dass damals bereits eine Koalition zwischen SPD und FDP rechnerisch möglich gewesen wäre, die Mende aber nicht wollte: Sie hätte, mit dem Regierenden Berliner Bürgermeister Brandt an der Spitze, im Bundestag eine Mehrheit von 15 Mandaten gehabt.

1961 war übrigens auch das Jahr, in dem die Berliner Mauer gebaut wurde. John F. Kennedy trat in diesem Jahr sein Amt als Präsident der Vereinigten Staaten an. Und in Israel wurde Adolf Eichmann zum Tode verurteilt, der Mann, der als Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt der Reichsführung SS verantwortlich war für die Organisation der Judentransporte in die Massenvernichtungslager in den von Deutschland besetzten Ostgebieten während des Zweiten Weltkrieges. Also, es war schon ein politisch turbulentes Jahr, in dessen Ausklang Guido Westerwelle hineingeboren wurde. Jürgen Möllemann hat es miterlebt als, wie ich vermute, denkender, womöglich politisch schon interessierter junger Mensch, denn er ist, wenn ich nicht irre, ungefähr mein Jahrgang, nämlich 1945.

Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass nicht auch er gelegentlich in der Vergangenheit blättert und sich fragt, woher er kommt und was diese Herkunft von ihm heute verlangen könnte. Es kann nicht sein, dass er sich hinstellt und antisemitische Äußerungen eines politischen Freundes herunterspielt und Gehässigkeiten über die „zionistische Lobby“ oder Ariel Scharons „Nazi-Methoden“ braunäugig als verbale Ausrutscher verteidigt.

Dieser Freund, Jamal Karsli, stammt aus Syrien, war bis vor kurzem Abgeordneter der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag und ist seit ein paar Tagen FDP-Mitglied; was er über Israel und die Juden sagt, muss er selbst verantworten. Was die FDP zulässt oder womit sie sich identifizieren lassen möchte, ist ihre Sache. Unsere Sache ist es, was wir ihr durchgehen lassen und woran wir ihren jungen Vorsitzenden messen wollen.

Ich weiß nicht, ob Du in der FAZ die Passage gelesen hast, in der berichtet wird, Jürgen Möllemann habe in diesem Zusammenhang erklärt, er und seine Partei „wollten von drei Millionen Muslimen in Deutschland möglichst viele für die FDP gewinnen“. Ich weigere mich, das zu verstehen: Will er sagen, er wolle den Wahlkampf der FDP und ihres lustigen Kanzlerkandidaten mit Antisemitismus pfeffern, damit Guido Westerwelle auf seine 18 Prozent kommt? Da finde ich nun eher doch, die FDP müsste Möllemann aus der Partei ausschließen. Wie sollte man sie andernfalls wählen können?

Dein M.

Martin E. Süskind

erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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