Zeitung Heute : Möllemann segelt, die PDS fliegt

Noch sechs Wochen bis zur Wahl Martin E. Süskind erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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Lieber P.,

ich möchte Dich heute schon davor warnen, am Dienstag nächster Woche nach Bad Tölz, Garmisch-Partenkirchen oder an den Chiemsee zu fahren. Es könnte Dir nämlich sonst passieren, dass Du in einen Plausch mit Jürgen W. Möllemann verwickelt wirst, der dort mit dem Fallschirm abspringt und jeweils zwei Stunden lang versuchen wird, mit Urlaubern und Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Auch stünde – wie wir in Berlin erfahren haben – zu erwarten, dass er Frisbee-Scheiben und Fußbälle signieren und Dir übereichen würde, falls Du anwesend wärest. Bleib also weg!

Möllemann ist der wichtigste Mitarbeiter von FDP-Chef Guido Westerwelle, welcher neulich in einer ntv-Talkshow mit Peter Kloeppel und Sandra Maischberger gesagt hat: „Ich glaube, dass der Wahlkampf an Niveau verloren hat…“ Ich glaube das auch, aber wahrscheinlich (siehe oben) in einem etwas anderen Sinne als Westerwelle. Ich glaube sogar, alle glauben, dass der Wahlkampf an Niveau verloren hat, weswegen sich kaum noch einer die Mühe macht, genauer hinzuhören und hinzuschauen. Das ist wohl auch der Grund, warum das Infotainment jetzt wieder überhand nimmt in den Wahlsendungen des Fernsehens und Möllemann, eklig eingezwängt in eine blau-gelbe Trikotwurst, 75mal vom Himmel segelt (außer, wenn es regnet oder der Wind stärker als neun Millimeter pro Sekunde weht). Hauptsache, die Leute haben was zu lachen.

Neulich hörte ich in einer Sendung, die sich zum einhundertfünfzigsten Mal mit miles&more beschäftigte, den Satz: Jahrelang hätten die Grünen sich für bessere Menschen gehalten, „und dann fliegt man First Class nach Thailand mit Meilen, die einem nicht gehören.“ Nie hätten die Grünen sich für bessere Menschen gehalten, sagte Grünen-Chefin Claudia Roth. „Doch“, sagten Maischberger und Kloeppel. „Nein“, sagte Roth. Und Westerwelle sagte: „Ich verstehe, dass Sie als kritische Journalisten scharfe Fragen stellen.“ Das einzig Untypische an dieser typischen Wahlsendung war, dass es kein Publikum gab; andernfalls hätte es ebenso starken Beifall gesetzt wie bei Maybritt Illner in „Berlin-Mitte“ zum nämlichen Thema.

Vor einigen Wochen schrieb ich Dir, es gebe Anzeichen, dass die Politik zurückkehre in den Wahlkampf, das sollte heißen: Ein wachsendes Interesse der Menschen schien erkennbar für ernsthafte politische Diskussionen um Themen, die das Land betreffen, seinen Zustand und seine Fortentwicklung. Das war ein Irrtum. Oder: Vielleicht war das Interesse ja vorhanden, aber die Themen wurden zerredet und verballhornt wie zum Beispiel die spannenden Vorschläge der Hartz-Kommission zur Reform des Arbeitsmarktes. Nach einer Schreckminute über die Radikalität der Ideen verfielen die meisten Wahlkämpfer und alle Interessenverbände in ihre Rituale des Ablehnens, Heruntermachens und Relativierens. Denn im Wahlkampf gilt: keinen Stich dem Gegner. Und um die Leute auf andere Gedanken zu bringen, kam die Bonusmeilen-Affäre gerade recht.

Nun aber noch der wöchentliche Bericht von der demoskopischen Front: Gerhard Schröder, sagen die meisten Meinungsforscher, hat die Wahl bereits verloren. Selbst wenn er die SPD noch zu Höchstleistungen bringen sollte, selbst wenn Fischer für die Grünen punktet, ist eine Mehrheit für die Regierungskoalition nicht mehr erreichbar. Das hat auch, wie meine Recherchen ergaben, mit der PDS zu tun, die höchstwahrscheinlich die Fünf-Prozent-Hürde nicht nehmen wird.

1994 hatte sie die Hürde auch nicht geschafft, aber vier Direktmandate gewonnen und war deshalb, wie es das Wahlrecht bestimmt, in den Bundestag eingezogen. Diesmal aber? Die Chancen, nach dem Ausstieg von Gregor Gysi und dem Ausscheiden anderer prominenter Politiker in Berlin noch mindestens drei Direktmandate zu gewinnen, stehen schlecht für die PDS. Schafft sie das nicht und bleibt sie bei, sagen wir, 4,8 Prozent der Zweitstimmen hängen (wofür derzeit vieles spricht), dann wird der Wahlsieg des Gespanns Stoiber/Westerwelle um so rauschender.

Wir waren ja beide immer der Meinung, dass die PDS in der deutschen Bundespolitik irgendwann „überwunden“ werden sollte, dachten aber wohl, dass es auf andere Weise dazu kommen würde. Ich wollte Dir das rechtzeitig gesagt haben, damit Du nicht überrascht bist.

Dein M.

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