Zeitung Heute : Mörder ohne Fall

Gibt es das perfekte Verbrechen? Eine junge Frau und ihr Baby sind verschwunden – aber die Leichen fehlen

Antje Hildebrandt

An dem Tag, an dem sie nicht zur Arbeit erscheint und Clara nicht in der Krippe abgibt, als sie auch nicht zu Hause anruft, um zu sagen, Papa, die Papiere für die Lebensversicherung, die du für mich abgeschlossen hast, sind heute angekommen, an diesem Tag ahnen Hans und Gabriele Gaucke, dass ihre Tochter einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

Wenn Karen etwas hasst, dann ist es Unzuverlässigkeit. Sie ist eine echte Gaucke, ausgestattet mit einer Disziplin, die man wohl eisern nennen muss. Ihr Vater ist 73, ein sportlicher Gymnasiallehrer im Ruhestand mit wachen Augen in einem braun gebrannten, aber übernächtigten Gesicht. Der Tag, an dem Karen und ihre sieben Monate alte Tochter Clara verschwunden sind, liegt jetzt mehr als sieben Wochen zurück, und seine Hoffnung, zumindest die Enkelin lebend wiederzusehen, schwindet täglich mehr.

Der Name Gaucke ist kein unbekannter mehr, in Hannover und Freiburg, wo der Fall spielt, aber auch weit darüber hinaus. Und es ist kein gewöhnlicher Fall, er wirft Fragen auf. An erster Stelle die, ob es ein perfektes Verbrechen gibt. Polizisten tauchen nun Badeseen ab. Zu Hunderten durchforsten sie Wälder mit Spürhunden. Freunde der Vermissten verteilen Flugblätter. Sie zeigen das Foto einer zierlichen Frau, die sich ihr Baby in einem Tragegurt vor den Bauch geschnallt hat. Nein, Leichen gibt es in diesem Fall immer noch nicht. Aber dafür einen mutmaßlichen Mörder.

Dass Karen Gaucke getötet wurde, ist wahrscheinlich, die Polizei hat ihr Blut unter einem Schrank in ihrer Küche gefunden – und an den Turnschuhen von Michael P., ihrem Exfreund. Sie hat auch eine DNA-Spur im Kofferraum eines Toyota-Kombis entdeckt, den sich P. einige Stunden vor ihrem Verschwinden ausgeliehen hat. Hans Gaucke kennt die Indizien, seine Stimme ist klar und fest, wie immer. Er redet nur ein wenig schneller als sonst, als er sagt: „Karen ist tot.“

Vor den Eltern stapeln sich Fotoalben. Karen kam 1968 zur Welt. Vater und Mutter betrachten die Bilder in chronologischer Reihenfolge. Karen als Zweijährige mit Schleife im Haar, als Erstklässlerin mit Schultüte und dann, am Ende, als Mutter mit Clara auf dem Arm. Gabriele Gaucke streicht vorsichtig über das durchsichtige Papier zwischen den Seiten, kerzengerade sitzt sie im weichen Ledersessel.

Karens Elternhaus steht im Norden von Freiburg, außen weiß, innen klare Formen und schöne Materialien, Glas, Leder, Eiche. Nach Osten eröffnet sich das Glottertal, westlich hat man freie Sicht auf den Kaiserstuhl. Karen ist immer wieder gern hierher zurückgekehrt, in ihrem Zimmer sitzt noch der Waschbärteddy aus Kindertagen. Am 19. Mai, dem Geburtstag von Hans Gaucke, haben ihre Eltern sie zum letzten Mal gesehen, Karen steckte voller Tatendrang. Sie habe einen Krippenplatz für Clara gefunden, am 1. Juni werde sie wieder an ihren Arbeitsplatz als Controllerin beim großen Reiseunternehmen zurückkehren, hat sie damals erzählt.

Und umziehen wollte sie, in eine größere Wohnung. Vorher, sagte sie, müsste sie allerdings noch mit Michael P. sprechen – der zahle nur sporadisch für Clara. Hans Gauckes Stimme wird laut. Er sagt, es könne kein Zufall, dass seine Tochter ausgerechnet an jenem 15. Juni verschwand, als P. ihr seine Gehaltsabrechnungen zeigen sollte.

Niemand weiß, was an jenem Abend geschah. Der einzige Mensch, der Licht ins Dunkel bringen könnte, sitzt in Untersuchungshaft und schweigt. Michael P., 37, Chef-Controller bei einer Tochter des großen Reisekonzerns. Ein beliebter Kollege. Ein Mann, der gut mit Frauen kann; Fotos zeigen einen großen Jungen. Wenn sich Gabriele Gaucke an die einzige Begegnung mit ihm erinnert, hat sie einen jungen Papa vor Augen, der mit seiner neugeborenen Tochter schäkert. Sie kann zumindest nicht glauben, dass er auch sein Kind getötet haben soll.

Die Polizei steht vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe. Sie muss einen Mord ohne Leichen aufklären. Und obwohl zumindest für das Baby noch ein winziger Funke Hoffnung besteht – die Polizei hat bisher nur von der Mutter Blutspuren gefunden –, können die Beamten den einzigen Tatverdächtigen nicht zwingen, preiszugeben, wo er die Vermissten hingebracht hat. Den Anwalt der Gauckes, Matthias Waldraff, erinnert das in gewisser Weise an den Fall des entführten Bankierssohns Jakob von Metzler. Er sagt: „Es rüttelt und reißt mich, ich will am liebsten in die Zelle hinein, um mit Herrn P. zu reden. Aber nach der Strafprozessordnung darf er die Aussage verweigern – so grausam das für meine Mandanten ist.“

Gerade erst hat die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ einen offenen Brief von Gabriele Gaucke an Michael P. veröffentlicht. Darin fleht sie ihn an, endlich ein Geständnis abzulegen. „Wir möchten uns von unserer Tochter in würdiger Form verabschieden.“ Ob ihn ihr Appell erreicht hat, weiß sie nicht. Seine Anwälte schirmen P. ab. Verwandte verbarrikadieren sich. Sie behaupten, seine Verteidiger hätten ihnen eingeschärft, keine Interviews zu geben.

Hat Karen am Abend des 15. Juni mit einem Anwalt gedroht? Hat sie P. damit erpresst, pikante Details aus seinem Privatleben, von denen es reichlich gibt, am Arbeitsplatz öffentlich zu machen? „Spekulation“, sagt Waldraff. Im Streit um Claras Unterhalt sei es um einen Betrag von 150 Euro gegangen. „Dafür bringt man in diesen Kreisen doch niemanden um.“

Auch wenn der Tatverdächtige schweigt – das Netz um ihn zieht sich immer enger zusammen. Jetzt hat die Polizei in der Wohnung der Vermissten auch noch seine Fingerabdrücke auf ihrer Gehaltsabrechnung gefunden, die auf ihrem Bett lag, was bedeutet: Er war zumindest zeitnah in der Wohnung, während P. in der allerersten Vernehmung behauptet hatte, sie habe ihn an dem fraglichen Abend gar nicht hineingelassen.

Mittlerweile deuten alle Indizien darauf hin, dass P. die Tat geplant hat. Am 15. Juni, so viel steht fest, hat Karen ihren Exfreund für 20 Uhr in ihre Wohnung bestellt: Er sollte endlich offenlegen, wie viel er wirklich verdient. Mittags aber fährt P. mit dem Zug nach Braunschweig, um sich bei einer kleinen Vermietung einen Toyota-Kombi zu leihen, angeblich, um das neue Modell zu testen. Zwei Tage später gibt er den Wagen wieder ab, der Tacho zeigt 242 Kilometer mehr an. Wo ist P. hingefahren? Und wieso hat er das Auto ausgerechnet in Braunschweig ausgeliehen und nicht in Hannover? Auch sein Alibi für die Zeit zwischen 20 Uhr, als er bei Karen Gaucke auftauchen soll, sie ihn aber angeblich nicht reinlässt, und 22 Uhr, als er sich Freunden zum Fußballgucken anschließt, ist lückenhaft. Er kann nicht nachweisen, was er getan hat.

Was immer an diesem Abend geschah, es wird wohl nicht nur um Claras Unterhalt gegangen sein, sondern auch um die schwierige Beziehung, die hinter P. und Karen Gaucke lag. Im Dezember 2004 hatten sie sich im Urlaub kennengelernt, zwei Monate später war sie schwanger. Kurze Zeit später erfuhr sie jedoch, dass eine Kollegin ebenfalls ein Kind von P. erwartete. Im Januar 2006 kam Claras Halbbruder dann zur Welt – und damit, heißt es, sei P.s Interesse an der Tochter schlagartig erlahmt. Er ist mit der anderen Kollegin zusammengezogen. Inzwischen soll P. eine weitere Geliebte haben. Einer Schulfreundin hat Karen erzählt, sie sei froh, ihn los zu sein.

Die Freundin weiß nicht, ob sie ihr das glauben soll. Karen ist kein Mensch, der sich öffnet. Nicht jeder mag sie, die Powerfrau, die das Abitur mit Eins geschafft und ihre Karriere mit einer Zielstrebigkeit geplant hat, die der Freundin unheimlich war. Männer, sagt sie, seien in Karens Lebensplanung nur am Rande vorgekommen.

Schon bevor Clara am 7. November 2005 zur Welt kam, hatte Karen Gaucke sich von Michael P. getrennt. Ihren Eltern hat sie gesagt, sie seien zu verschieden. Zurück aus dem Urlaub, entpuppte sich der Sunnyboy nämlich als mürrischer Schweiger, er hielt Verabredungen nicht ein, tauchte manchmal tagelang unter. Auch andere Exfreundinnen von Michael P. sagen, er sei ihnen immer ein wenig fremd geblieben. Selten habe er über sich und seine Kindheit gesprochen. Nur widerstrebend habe er erzählt, dass er nach der Scheidung der Eltern beim Vater aufgewachsen sei.

In der U-Haft soll P., der angeblich suizidgefährdet ist, einen Abschiedsbrief geschrieben haben, es heißt, er beteuere verzweifelt seine Unschuld. Seine Anwälte spielen auf Zeit. Ohne Leichen kein Prozess? Oberstaatsanwalt Thomas Klinge sagt, dass die Beweise auch so für eine Anklage reichten. Vergleichbare Prozesse habe es in Deutschland schon gegeben. Ohne Obduktionsbericht müsse Michael P. aber statt lebenslänglich möglicherweise nur für einige Jahre ins Gefängnis.

Für Karens Eltern wäre das ein Albtraum. Auf der Veranda hat Gabriele Gaucke Briefe von Freunden aus aller Welt drapiert. Ihren Mann tröstet die Anteilnahme nicht. Er sagt: „Die viele Post zeigt mir erst, wie groß der Verlust ist.“ Sie sagt: „Ich weiß nicht, wie lange ich diese Warterei noch durchhalte. Jedesmal wenn das Telefon klingelt, rennen wir los.“ Sie klappt das Fotoalbum zu.

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