Zeitung Heute : Mörder ohne Motiv

Lebenslänglich im Lindh-Prozess – und doch bleiben viele Fragen offen

Sven Lemkemeyer[Stockholm]

Kein Richter, kein Staatsanwalt, kein Verteidiger, kein Angeklagter. Nur zwei Justizangestellte, die versuchen, die Journalisten in der sterilen Amtsstube eines Stockholmer Gerichts abzufertigen. Vor der Tür drängen sich mehr als zehn Kamerateams aus ganz Europa, versuchen sich in Position zu bringen, um das beste Bild von dem zu bekommen, weswegen alle hier sind: 25 Seiten DIN-A-4-Papier. Darin: das Urteil in einem der aufsehenerregendsten Prozesse der vergangenen Jahre in Europa. Das Urteil gegen den Mann, der am 10.September letzten Jahres in einem Kaufhaus in Stockholm auf die schwedische Außenministerin einstach, so heftig und brutal, dass Anna Lindh am nächsten Morgen an ihren Verletzungen starb.

Punkt 13 Uhr 30 öffnet der Sicherheitsbeamte die Tür, nur 30 Sekunden später drängt sich ein Kollege vom schwedischen Fernsehen heraus und spricht beim Hinausgehen in die laufende Kamera: „Das Urteil lautet lebenslänglich.“

Blitzschnell macht die Nachricht unter den Wartenden die Runde, überrascht ist niemand, alles andere als dieses Strafmaß gegen Mijailo Mijailovic wäre eine Sensation gewesen. So spektakulär die Tat war, so unauffällig findet der Mordprozess sein Ende. Sein vermutlich vorläufiges Ende. Ein krasser Kontrast zu der tiefen Trauer um Schwedens beliebteste Politikerin. Schon vor ihrem Tod fiel es selbst ihren politischen Gegnern schwer, etwas Negatives über sie zu sagen. „Nicht schon wieder“ – überall war dieser verzweifelte Satz zu lesen, zu hören, zu sehen. Der Mord an Ministerpräsident Olof Palme war plötzlich allgegenwärtig im vergangenen Herbst, die tiefe Wunde in der schwedischen Seele wieder aufgerissen. Auch Palme war ermordet worden. 1986 auf offener Straße erschossen, als er sich wie Lindh ohne Leibwächter in der Öffentlichkeit bewegte.

Doch diesmal scheint es anders. Der Mord an Palme ist bis heute nach unzähligen Fehlern und Pannen der Ermittler nicht aufgeklärt und beschäftigt die Justiz weiter. Anna Lindhs Mörder aber sitzt im Gefängnis, zwei Wochen nach der Tat wurde der 25-jährige Mijailovic verhaftet. Der Druck auf Polizei und Staatsanwalt war enorm, das Medieninteresse gewaltig. Die schwedischen Boulevardzeitungen überboten sich mit angeblichen, häufig falschen Details zum Tathergang, zum Angeklagten, zu seinen Motiven. Mijailo Mijailovic, dem schwedischen Staatsbürger und Sohn serbischer Einwanderer, hilft das Leugnen der Tat nicht, die Beweislast ist zu erdrückend. Videoaufzeichnungen der Überwachungskameras aus dem Kaufhaus NK mitten in der Stockholmer City, DNA-Spuren an seiner Kleidung und an der Tatwaffe, einem Jagdmesser. Und nicht zuletzt die Beobachtungen der Freundin, mit der Anna Lindh an jenem Septembernachmittag ein neues Outfit für eine Fernsehtalkshow am Abend kaufen wollte.

Es war unter anderem die Aussage von Eva Franchell, die den Richtern verdeutlichte, wie grausam die Tat war. Selbst die juristisch-nüchtern verfasste Urteilsbegründung lässt erschauern: „Mijailo Mijailovic stürmte an Eva Franchell vorbei und warf sich auf Anna Lindh. Er drückte sie gegen einen Kleiderständer und boxte ihr mit beiden Händen in den Magen. Eva Franchell verstand erst, dass es sich um einen Überfall mit einem Messer handelte, als sie Blut aus Anna Lindhs Magen quellen sah. Sie erlebte sein Verhalten als ungeheuer aggressiv, bedrohlich und pervers.“ Auch die Obduktion zeigte, dass die Tat mit unvorstellbarer Grausamkeit durchgeführt worden war. Die zehn Hiebe, so der Obduktionsbericht, führte Mijailovic teilweise mit beiden Händen aus. Anna Lindh „muss Todesangst ausgestanden haben, als sie begriff, dass sie ernsthaft verletzt war“, heißt es in der Urteilsbegründung. Wie die Ermittler kam das Gericht zu dem Schluss, das Mijailovic die Tat geplant hat und Anna Lindh vorsätzlich tötete.

Genau dies streitet Mijailovic bis heute ab. Er hat gestanden, Anna Lindh niedergestochen zu haben, doch habe er sie nicht töten wollen, sagte er während seiner Vernehmungen. Innere Stimmen hätten ihn aufgefordert, Lindh zu attackieren. Es sei Jesus gewesen, der zu ihm gesprochen habe. Doch die Richter glaubten ihm nicht, obwohl der 25-Jährige als psychisch sehr labil gilt und nachweislich mehrmals wegen psychischer Probleme in Behandlung gewesen ist. Sie stützen sich dabei auch auf ein psychiatrisches Gutachten, das zu dem Schluss kommt, dass er die Tat nicht unter dem Einfluss einer psychischen Störung verübt habe und dass er auch unter keiner solchen leide. Am letzen Prozesstag in der vergangenen Woche hatte das Gericht den Antrag der Verteidigung abgelehnt, ein weiteres Gutachten erstellen zu erlassen. Diese Entscheidung kam auch für Justizexperten überraschend, denn selbst die Staatsanwaltschaft hatte zugestimmt. Und wie um weiterer Kritik vorzubeugen, verweisen die Richter darauf, dass die Gutachter den Fall von sich aus schon einem anderen Expertenteam vorgelegt haben – mit dem gleichen Ergebnis.

Ein zweites Palme-Trauma bleibt den Schweden also offenbar erspart, dennoch bleiben Fragen. Und das räumt auch das Gericht ein. Wenn Mijailovic nicht psychisch krank ist, wenn er den Mord geplant und vorsätzlich ausgeführt hat, was hat ihn zu der Tat veranlasst? Die Ermittler konnten darauf keine Antwort geben, und das Gericht schreibt: „Welches Motiv Mijailo Mijailovic für die Messerattacke auf Anna Lindh hatte, ließ sich allerdings nicht klären.“ Dass Mijailovic ein fanatischer Euro-Gegner sei, der Anna Lindh, in Schweden die größte Befürworterin der europäischen Einheitswährung, kurz vor dem Euro-Referendum ausschalten wollte, schloss die Polizei schnell aus. Genauso wie die Vermutung, es handele sich um einen Racheakt des serbischstämmigen Mannes, weil Lindh während des Kosovokrieges den Nato-Angriff auf Belgrad als unvermeidlich bezeichnet hatte. Auch andere persönliche Gründe fanden sich nicht. Was also hat den jungen Mann dann veranlasst, eine derart brutale Tat zu verüben? Es scheint so gut wie sicher, dass Peter Althin, sein Anwalt, in Berufung gehen wird und es dann zu einem weiteren psychiatrischen Gutachten kommt. Was ist, wenn es auch dann bei der Feststellung „voll schuldfähig“ bleibt? Die Schweden denken lieber nicht darüber nach. Noch nicht.

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