Zeitung Heute : Möwen suchen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Verstehe einer, was die Russen mit den Möwen haben. Sie sagen Tschaika zur Möwe und nennen eins ihrer berühmtesten Theaterstücke, ein denkbar unornithologisches, Tschaika, „Die Möwe“. Außerdem hießen auch diese riesigen 50er-Jahre-Staatskarossen Tschaika. In denen haben sich die meisten Ostblock-Staatschefs durch ihre Länder schaukeln lassen, bis sie vermittels anderer Staatskarossen ihrer Unabhängigkeit von der UdSSR Ausdruck verliehen (Erich Honecker hat dazu komischerweise einen Citroën genommen, das Händchenhalten mit Mitterrand hat er aber Helmut Kohl überlassen, der wiederum Mercedes fuhr). Wie kann man nur so eine schwere schwarze Riesenkarre Möwe nennen? Die Flügelchen am Heck waren doch beim Cadillac abgeguckt und nicht beim Flugvieh.

Nun bauen die Russen lange keine Tschaikas mehr, aber „Die Möwe“, die von Anton Tschechow, die wird immer noch aufgeführt, immerzu und immer wieder. Und immer wieder fragt man sich: Warum eigentlich „Möwe“? Klar, am Anfang knallt der, der sich am Ende selbst abknallt, eine Möwe ab (die Möwe erschießt er aus Langeweile, sich aus – na? – na? richtig: aus Verzweiflung, ist ja ein Tschechow-Stück). Klar, der Dichter, der die junge Schöne verführt und später wieder fallen lässt, der vergleicht sie mit einer Möwe, frei und glücklich, welche einfach so, aus Langeweile zugrunde gerichtet wird, eben so wie die Möwe, die der Erstgenannte aus Langeweile abgeschossen hat. Klar, im Literaturführer steht geschrieben, dass die Ideen des Möwenschießers „dem Flug der freien Möwe gleichen“. Aber mal ehrlich: Ist das nicht alles total weit hergeholt?

Sein Stück, in dem es um Onkel Wanja geht, hat Tschechow doch auch „Onkel Wanja“ genannt, und der „Faust“ heißt „Faust“. Dass „Die Möwe“ „Die Möwe“ heißt oder meinetwegen auch „Tschaika“ – da kann mir einer erzählen was er will – das ist doch nur Mache. „Möwe“ klingt eben besser als die schnöden Heldennamen Treplew, Nina, Trigorin.

Als wir die „Möwe“ im Gorki-Theater fertig geguckt hatten, standen wir da, wie man eben so da steht, wenn man das Theater hinter sich hat: Wohin jetzt?, fragten wir uns. „In die Möwe! Wir gehen in die Möwe!“, rief die Begleiterin und fand das wahnsinnig originell. „Wie originell“, entgegnete ich und lernte: Gleich neben dem Gorki-Theater, im Palais am Festungsgraben gibt es das Restaurant „Die Möwe“, Erbe des DDR-Künstlerklubs selben Namens und extrem gut versteckt. Neben der Tür des Palais hängt nur ein kleines „Möwe“-Schild, wo im großen Palais sich „Die Möwe“ aber befindet – das muss man selbst rausfinden, Wegweiser gibt es nicht. Logisch, dass es in der „Möwe“ sehr leer war, von den 100 Plätzen waren sechs besetzt. Dafür war der Kellner sehr freundlich und die Einrichtung sehr plüschig. „Die Möwe“ haben sie übrigens nach dem Tschechow-Stück „Die Möwe“ genannt. Klingt ja auch besser als „Gut verstecktes, schlecht besuchtes Restaurant mit freundlichem Kellner und großer Vergangenheit“.

„Die Möwe“ (empfehlenswert!) im Maxim-Gorki- Theater nächstes Mal am 22.November. „Die Möwe“ im Palais am Festungsgraben (erster Stock, dann rechts halten) Montag bis Sonnabend ab 18 Uhr.

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