Mohsen Rezai : "Ahmadinedschads Weg führt direkt in den Abgrund"

Vor der Wahl im Juni: Im Interview mit dem Tagesspiegel kritisiert Mohsen Rezai, Herausforderer des iranischen Staatschefs Mahmud Ahmadineschad, die Politik der Reformer.

Martin Gehlen[Teheran]

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad wird nun auch von Konservativen im eigenen Land heftig kritisiert. „Der Weg Ahmadineschads führt direkt in den Abgrund“, sagte Mohsen Rezai, langjähriger Chef der Revolutionären Garden und einer der Gegenkandidaten des Präsidenten, dem Tagesspiegel. Der 54-jährige Rezai ist einer von 475 Anwärtern, die sich um das Amt des Präsidenten bewerben. „Die Reformer wollen nur zurück in die Vergangenheit. Ich will einen dritten Weg für unser Land vorschlagen“, sagte Rezai in Teheran.

Im Iran wird am 12. Juni ein neuer Staatschef gewählt. Die 475 Kandidaten werden derzeit vom iranischen Wächterrat überprüft, der seine Entscheidung am 20. und 21. Mai bekannt geben will. Für die Präsidentschaftswahl vor vier Jahren hatte es 1014 Bewerbungen gegeben, zugelassen wurden aber lediglich acht Kandidaten. Eine wirkliche Chance im Kampf um das Spitzenamt haben nur vier Politiker, zwei aus dem Lager der Reformer und zwei aus dem Lager der Konservativen: Neben Rezai und Ahmadinedschad selbst sind das der ehemalige Sprecher des iranischen Parlaments, Mehdi Karoubi, sowie der frühere Premierminister in den Kriegsjahren 1980 bis 1988, Mir-Hossein Musawi.

Beobachter sehen die Kandidatur Rezais als einen Hinweis auf eine Spaltung des konservativen Lagers im Iran. Kleriker und Politiker scheinen demnach entschlossen, eine zweite Amtszeit des populistischen Hardliners Ahmadinedschad zu torpedieren. Rezai gilt als Mitbegründer der libanesischen Hisbollah und Mitglied im 35-köpfigen Schlichtungsrat, der im Konfliktfall zwischen Wächterrat und Parlament vermittelt. Er ist bis heute strammer Anhänger der islamischen Revolution, trotzdem will er eine Wiederwahl Ahmadinedschads verhindern.

Überraschend deutlich kritisierte Rezai auch die USA-Politik Ahmadinedschads. Eine „Außenpolitik der Provokationen“ schade den iranischen Interessen in einer Zeit, in der sich die USA offen für eine Annäherung an Teheran zeigten, sagte Rezai. Als Beispiel für solche Provokationen nannte er die Holocaust-Äußerungen Ahmadinedschads.

Den US-Kurswechsel bezeichnete Rezai als „glaubwürdig“ und forderte, dass der Iran nicht nur amerikanische Vorleistungen bei einer möglichen Annäherung der seit 30 Jahren verfeindeten Staaten einfordern dürfe. Es müsse auch selbst initiativ werden. Als Beispiel nannte er den Aufbau eines regionalen Sicherheitssystems für den Nahen und Mittleren Osten. In Bezug auf das umstrittene Atomprogramm schlug Rezai eine „gemeinsame Uran-Anreicherung auf iranischem Boden“ vor: Iran, die USA, Europa und Russland sollten dies gemeinsam tun. Der iranische Politiker zeigte sich überzeugt, dass Israel trotz fortgesetzter Drohungen die Atomanlagen im Land nicht angreifen werde: „Die USA werden in den kommenden vier Jahren kein grünes Licht geben.“


Mohsen Rezai
(54) war Oberbefehlshaber der paramilitärischen Revolutionswächter und kandidiert bei der Präsidentschaftswahl im Juni gegen Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad.

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