Zeitung Heute : MoMAs große Reise in die alte Welt

Warum New York moderne Kunst an Berlin verleiht

Steffi Kammerer[New York]

Kaum hat man die Frage nach dem Risiko ausgesprochen, will man sie zurücknehmen, ihn beruhigen. Bestimmt passiert nichts, nicht im ordentlichen Deutschland. John Elderfield ist unruhig wie Eltern es sind, die ihr Kind zum ersten Mal ins Ausland schicken. Selbst wenn sie alles perfekt vorbereitet haben. Auch er hat das Quartier gut ausgesucht, hat Listen angefertigt, wer mit wem reist und wer wen abholt, nichts dem Zufall überlassen. Trotzdem wird er wohl erst im Herbst wieder entspannt sein. Dann kommen seine Schätze zurück von ihrer Reise nach Berlin.

John Elderfield ist Chefkurator der Abteilung für Gemälde und Skulpturen des MoMA, des Museum of Modern Art, New York. Hier arbeitet er seit 30 Jahren, er kennt die einzigartige Sammlung wie kaum ein anderer. Sein Büro liegt in Manhattans 53. Straße und der Baulärm vor seiner Tür ist der Grund dafür, dass Berlin die weltberühmten Werke ab Freitag in der Neuen Nationalgalerie ausstellen darf. Das MoMA wird bis Ende des Jahres umgebaut, die provisorische Herberge in Queens kann nur einen kleinen Teil der Sammlung zeigen, und Peter-Klaus Schuster, der Chef der Berliner Museen, stellte früh die Frage: Was in der Umbauzeit mit der Sammlung geschehe? Natürlich hätten sich auch andere beworben. Aber Berlin war schneller.

Der Kurator ist ein besonnener Mann im schwarzen Anzug, bei dem man kaum die Berliner Neigung zum Superlativ vermutet und der doch so spricht, wie es sonst nur die Hauptstadtvermarkter tun: ein nie da gewesenes Mammutprojekt sei es, eine einzigartige Form des Kulturaustausches, nie habe die Sammlung in dieser Vollständigkeit das Land verlassen. Und Berlin sei die ideale Stadt dafür. „Es ist ganz unglaublich, was in den letzten Jahren dort passiert ist.“ Für den Beirat des MoMA sei die Entscheidung für Berlin symbolisch gewesen. „Nach dem 11. September macht es für New York Sinn, die Brücke zu schlagen zu einer Stadt, die sich so transformiert und regeneriert hat.“

Außerdem, sagt er, hätte Berlin die Entstehung des MoMA stark beeinflusst. Der Gründer Alfred H. Barr hat in Berlin und in Dessau Impulse für seine Idee des Museums bekommen. „Das MoMA ist das, was in Deutschland hätte passieren können“, sagt Elderfield. „Das ist eigentlich die Tragödie – New York wurde Nutznießer dessen, was die Nazis in Deutschland zerstört haben.“ 212 Werke hat der Kurator für die alte Welt ausgesucht. Schwierig war es, weil er einerseits eine repräsentative Auswahl der Moderne nach Berlin schicken wollte, andererseits den New Yorker Besuchern weiter erste Qualität bieten wollte. „Nehmen wir Matisse, da haben wir 20 Werke aus der Frühzeit. Die besten sind „Der Tanz“ von 1909 und das „Rote Studio“ von 1911. Schuster wollte beide, ich konnte ihm nur den Tanz geben.“ Andere Werke seien für die Reise zu fragil gewesen.

Man hat sich geeinigt: Berlin hat vier Pollocks bekommen statt drei. Und drei Newmans und drei Rothkos. Die Ausstellung wird mit Cézannes badendem Jüngling beginnen und mit Gerhard Richters Zyklus zur Roten Armee Fraktion von 1988 enden. „Wir haben uns überlegt, deutsche Kunst nicht stark zu berücksichtigen“, sagt Elderfield. „Es macht doch keinen Sinn, deutsche Werke aus New York herzubringen, wo es in der Berlinischen Galerie großartige Stücke gibt.“ Mit Schuster hat man sich für eine starke amerikanische Präsenz entschieden. „Das war programmatisch. Als das Konzept diskutiert wurde, war die Beziehung zwischen unseren Ländern nicht gut. Wir wollten ein Statement abgeben.“ Ein patriotisches? „Nein, ein Statement einer kulturellen Gemeinschaft.“

Nun sind alle Kunstwerke wohlbehalten in Berlin eingetroffen, jedes war in eine maßgefertigte Holzkiste verpackt. Auf die Seiten hatten sie in der MoMA-Werkstatt Pfeile gemalt. Die Gemälde und Skulpturen sollten in Flugrichtung im Frachtraum liegen. Alle Kisten sind in unterschiedlichen Flugzeugen gekommen, so wie auch Regierungsmitglieder getrennt reisen. „Man sollte nie alle Eier in einen Korb legen“, sagt Ramona Bannayan, in New York verantwortlich für die Logistik. Am schwierigsten war es, für Barnett Newmans viele Meter hohen „Broken Obelisk“ eine Fluggesellschaft zu finden. Doch auch das ist gelungen, seit einer guten Woche steht er vor der Nationalgalerie. Dass die Skateboardfahrer den Obelisken nicht mit einer Megarampe verwechseln, wird der Verein der Freunde der Nationalgalerie zu verhindern wissen. Nicht nur, damit John Elderfield in New York beruhigt schlafen kann. Der Freundeskreis hat die 8,5 Millionen Euro aufgebracht, die die Leihgaben kosten – Katastrophen sind nicht eingeplant.

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