Mompers Abschied : Mit Schal und Schnauze

„Die Sitzung ist geschlossen!“ – und Walter Momper verlässt die Politik. Er war Chef in Berlin, als die Stadt ihren großen Moment hatte. Danach glückte nicht mehr viel.

Walter Momper wird sich aus dem Politikbetrieb zurückziehen. Der ehemalige Regierende Bürgermeister tritt zur Berliner Wahl 2011 nicht wieder an.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kai-Uwe Heinrich
31.08.2011 19:00Walter Momper wird sich aus dem Politikbetrieb zurückziehen. Der ehemalige Regierende Bürgermeister tritt zur Berliner Wahl 2011...

Kalte Worte waren es. So kalt wie der nächtliche Wind oben auf dem Podest vor dem Schöneberger Rathaus. „Lenin spricht.“ Helmut Kohl zischte diese Worte, der damalige Bundeskanzler. Sie sollten den Regierenden Bürgermeister Walter Momper treffen. Böse Worte in diesen Tagen der Freude und einer Revolution, die doch gerade von Lenin nichts mehr wissen wollte.

Deswegen standen sie am 10. November 1989 im Westteil der geteilten Stadt Berlin, am Sitz des Regierenden Bürgermeisters, die Spitzen der Bundespolitik, Helmut Kohl, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und auch Willy Brandt. Und der Regierende Bürgermeister Walter Momper, Chef der von Kohl verabscheuten rot-grünen Koalition. „Berlin, nun freue dich“, diese Worte machten den Mann mit dem roten Schal weltberühmt.

Doch auf dem Podest herrschte Dissonanz. Die Nationalhymne, spontan angestimmt, geriet zur schrägen Darbietung, begleitet vom gellenden Pfeifkonzert vieler Berliner, die zwar die Freiheit der Ostdeutschen bejubelten, doch von „einig Vaterland“ nichts wissen wollten.

Weit weg. Von historischer Stunde ist wenig zu spüren im Berliner Abgeordnetenhaus an diesem 1. September 2011, dafür viel von parlamentarischer Routine. Es ist die letzte Sitzung vor dem Ende der Wahlperiode – und auch Walter Mompers letzter Tag als Parlamentarier. Seit 1975 hat er Sternstunden und bittere Niederlagen erlebt, gab es stolze Höhen und eigene Fehler. Deswegen ist die Meinung über Momper, der einer Polarisierung nie aus dem Weg gegangen ist, auch geteilt. Man kann es symbolisch sehen, dass sich der weite Lebensbogen des 66-jährigen Sozialdemokraten, der die Einheit Berlins organisiert hat, nun rundet an diesem Ort. Denn die Abgeordneten tagen heute im ehemaligen preußischen Herrenhaus, das bis zum Mauerfall unzugänglich und zugemauert im Todesstreifen lag.

Daran war nicht zu denken, als der aus Bremen stammende Politologe 1975 erstmalig ins West-Berliner Abgeordnetenhaus einzog. Es waren die Jahre, in denen sich West-Berlin von der Depression nach dem Mauerbau erholte. Besuche bei den Familien in Ost-Berlin waren wieder möglich und mit finanzieller Hilfe des Bundes blühte die Kultur; zur fiebrig-lebendigen Atmosphäre trugen aber auch die politisierten Studenten und die nach Berlin strömenden Kriegsdienstverweigerer bei. Als Momper Parlamentarier wurde, war die Berliner SPD schon im Niedergang, in Jahrzehnten in der Regierungsverantwortung abgewirtschaftet und weit entfernt von jenen großen Zeiten, als sie mit Ernst Reuter und Willy Brandt legendäre Bürgermeister stellten. Nach dem Machtverlust 1981 war es Walter Momper, der die zerstrittene SPD ab 1985 als Fraktions- und Landesvorsitzender wieder einte.

Lesen sie auf Seite 2, wie Momper ein großes Tabu brach.

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