Zeitung Heute : Mondänes Kleiderrauschen

Zu „Sterling Gold“ Secondhand-Mode fliegen Frauen aus ganz Europa nach Berlin

Nora Sobich

Als die New Yorker Kolumnistin Carrie Bradshaw aus der US-Kultserie „Sex and the City“ das Lager der amerikanischen „Vogue“ betritt, bekommt sie beim Anblick der bis zur Decke aufgereihten Designer-Schuhe einen hysterischen Anfall. Es muss eine Art Urinstinkt sein, der weibliche Wesen bei Schuhen und Kleidern so dermaßen aus dem Häuschen bringen kann.

Diesen Naturtrieb berührt auch die märchenhaft schöne Atmosphäre des auf „erstklassige Mode der zweiten Art“ spezialisierten Geschäfts „Sterling Gold“. In dem 240 Quadratmeter großen, Rokokogold gestrichenen, mit Kronleuchtern und Rosen geschmückten Laden schweben die Jauchzer und leisen Jubelschreie der Kundinnen wie pochende Herzen durch die Luft.

Michael Boenke, Modemacher und Enkel eines Berliner Schneidermeisters, hat das in Europa einmalige Geschäft für glamouröse Secondhand-Mode vor über zwanzig Jahren in Berlin gegründet. Nach den ersten Geschäftsstandorten in Charlottenburg und Kreuzberg zog er vor vier Jahren in die restaurierten Heckmann-Höfe nach Berlin-Mitte. „Es war Zufall“, erzählt Boenke. Bei einem Spaziergang hätte er die ruinöse Remise auf dem damals noch baufälligen Hof entdeckt. „Inzwischen sind wir dort ein Magnet, zu dem Kunden aus ganz Europa einfliegen.“ Kein Wunder: die nach Farben sortierten Roben, Abend-, Dinner-, Cocktail- und Teeparty-Kleider rufen bei der weiblichen Kundschaft die schönsten Fantasien hervor. Sie scheinen auf ihren Bügeln zur Hintergrundmusik von Frank Sinatra schon von selbst zu wippen und zu tanzen.

Wer wie Boenke täglich von Frauen umgeben ist, muss wohl ihre Seele irgendwie verstehen und sich an ihnen freuen können, wenn sie sich eitel oder unsicher vor den Spiegeln drehen, Pirouetten aufführen, als hätten sie sich für ihren Prinzessinnentraum auf dem Dachboden der Großmutter eingeschlossen. Männer sind im Frauenparadies „Sterling Gold“ nur Begleitung. Sie stehen vor den Umkleidekabinen und warten, dass der Vorhang wieder aufgeht. Ihre Liebste im vierten, fünften oder sechsten Gewand die Bühne betritt.

Wie und warum Boenke die wallenden Kleider aus den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren zusammengetragen hat, klingt selbst wie ein Märchen. Es beginnt vor über zwanzig Jahren. Boenke war damals Chefeinkäufer bei einem armenischen Familienunternehmen in Amerika, das sich auf den weltweiten Handel mit Altkleidern spezialisiert hatte. „Eine nette Großfamilie“, meint Boenke zu der lukrativen Zeit. „Sie haben mir das Ferrari-Fahren beigebracht, und ich habe ihnen so ungefähr das Essen mit Messer und Gabel gezeigt.“ In Europa und den USA sammelten Boenke gemeinsam mit einem Hamburger Kollegen für die „Familie“ nostalgische und trendige Klamotten zusammen, die dann später in Szene-Secondhandläden verkauft wurden. Die besten Stücke sortierte er allerdings aus.

Als die Altkleider-Connection dann abbrach, bekam er diese als eine Art Abfindung. In Containern sind sie seitdem mottensicher gelagert. Wieviele es sind, kann Boenke nur schätzen. „Allein in der Lüneburger Heide habe ich auf einem alten Bauernhof noch zwanzig Tonnen gelagert.“

Wie aus einer Schatztruhe werden die Prachtstücke vergangener Bälle und Festlichkeiten nun nach und nach wieder ans Licht geholt und wie bei der Pret-à-porter die jeweilige Kollektion für den Laden zusammengestellt. Die Kundinnen von „Sterling Gold“ sind einerseits die typischen Retrojünger und Vintagejäger, insbesondere aber Frauen, die sich individuell gestalten und performen wollen. „Das ganze Uniforme ist ja auch nicht zum Aushalten“, meint Boenke: „Die Leute wünschen sich doch lieber mit Einzelstücken individuell zu kleiden.“

Begeistert erzählt er, dass auch die jungen Mädchen jetzt wieder wie verrückt die alten femininen Kleider kaufen wollen – zu Abifeten oder Abschlussbällen. Und wenn etwas an den Schnitten der Unikate aus Samt, Seide, Spitze oder Tüll geändert werden muss, macht das die Schneidermeisterin im ersten Stock. Denn tatsächlich haben sich die weiblichen Figuren in den letzten Jahrzehnten geändert. Die Frauen sind heute größer und stärker gebaut als früher, meint Boenke. „Eine Pariser 34 von 1960 ist heute mittlerweile ein 38.“ Und weil zurzeit vor allem Brautkleider gefragt sind, will Boenke im oberen Geschoss der Remise demnächst sogar einen Teil extra für die rauschenden Hochzeitsträume ausbauen.

Schon lange verfolgt der Modemacher die Idee, aus den verschiedenen Stücken einen neuen Style zu kreieren. „Aus fünf Kleidern ein Neues zu machen, die verschiedenen Stile von californisch, folkloristisch oder indisch zu mischen wie es der genialische Modemacher Roberto Cavalli tut.“ Es ist allerdings eine Idee, die schwer in Berlin zu realisieren sei. Es gibt heute kaum noch eine Infrastruktur von kleinen Schneiderei- und Nähbetrieben. Eine Tradition des Konfektionierens wie sie in Paris oder Mailand noch immer bestehe, sei in Berlin daher unmöglich.

Dennoch: Einen Schritt näher ist Boenke seiner Idee jetzt gekommen. Vor drei Jahren mietete er in Potsdam am Neuen Garten eine prächtige alte Villa. Dort soll nun in den nächsten Monaten eine Werkstatt eingerichtet werden und langfristig ein Modesalon im alten Stil entstehen.

Sterling Gold. Erstklassige Mode der zweiten Art. Heckmann-Höfe, Oranienburger Straße 32 (Mitte), Montag bis Sonnabend 12 – 20 Uhr. Internet: www.sterlinggold.de .

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