Zeitung Heute : Mondsüchtig werden

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Alle Kinder sind fasziniert vom Mond“, sagt meine Frau. Sie sagt das so, als sei es ein Naturgesetz. Vielleicht liegt das an seinem großväterlich zerfurchten Gesicht, das kein Meteoriteneinschlag aus der Ruhe bringen kann; an seiner Verlässlichkeit, mit der er seine Bahnen zieht und seine Macht ausübt über die Gezeiten, den weiblichen Zyklus und unsere nächtlichen Träume. Auf mich selbst hatte seine magische Anziehungskraft schon ein wenig nachgelassen, nach all den Jahren habe ich mich an den blassen Begleiter gewöhnt – bis unsere Tochter nach 20 Lebensmonaten mondsüchtig wurde.

Alles fing an, als meine Mutter bei uns zu Besuch war und Emma abends zum Einschlafen das alte Lied vorsang: „Der Mond ist aufgegangen /Die goldenen Sternlein prangen/Am Himmel hell und klar…“ Emma war wie verzaubert. Es verging seither kein Abend mehr ohne das Lied an ihrem Bett. Vorher müssen wir aber noch einmal auf dem Balkon nachschauen, ob das große Vorbild tatsächlich schon am Firmament steht. Erst wenn sie den Mond am Himmel gesehen hat, ist Emma bereit, ins Schlafzimmer zu gehen. Und morgens auf dem Weg zur Kita sucht Emma den Himmel wieder nach dem Bleichgesicht ab wie nach einem alten Kameraden, und wenn sie ihn endlich entdeckt hat, strahlt sie mit der hellen Sonne über die verblassende Geröllkugel.

Inzwischen kann Emma schon die ganze erste Strophe auswendig singen: „… Der Wald steht schwarz und schweiget /Und aus den Wiesen steiget/Der weiße Nebel wunderbar.“ Ein bisschen gruselt es mich, abends an ihrem Bettchen, wenn sie mit ihrer zarten Kinderstimme die Zeilen von Matthias Claudius intoniert. Dann versetzt sie mich in meine eigene Kindheit zurück, ich fühle sie wieder, meine eigenen Ängste vor dem Einschlafen, vor der Einsamkeit und dem Mond, der durch die Ritzen der herabgelassenen Jalousien scheint. Und ich bewundere den Mut meiner Tochter, die sich furchtlos mit dem bleichen Gesellen am Nachthimmel anfreundet.

Echtes Mondgestein, das 1972 von der Apollo-17-Mission zur Erde gebracht wurde, gibt es ab 15. April 2005 im Neubau des Technikmuseums in Kreuzberg (Trebbiner Str. 9) in der geplanten Dauerausstellung zur Luftfahrt zu sehen.

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