Zeitung Heute : Monster verscheuchen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Heike Jahberg

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Manchmal kann Lesen schädlich sein. Neulich waren wir in der Stadtbücherei und haben uns ein Buch ausgeliehen. Es handelte von einem kleinen Känguru, das seine Mutter verloren hatte und nun in ganz Australien nach ihr sucht. Ich dachte, das Buch sei lehrreich, weil die Kinder ungewöhnliche, fremdländische Tiere kennen lernen. Tatsächlich war das Buch eine Katastrophe. Denn nachdem das kleine Känguru vergeblich beim Schnabeltier, beim Koala-Bären und beim Wombat nachgefragt hatte, landete es schließlich beim Bonyip.

Das Bonyip ist ein großes schwarzes Monster mit rot glühenden Augen, das im Wasser lebt und frisst, was ihm vor die Zähne kommt. Trotz dieser schlechten Angewohnheit ist das Bonyip aber eigentlich kein schlechter Kerl. Weil das Ungeheuer von dem Mut des Kängurus beeindruckt ist, lässt es das Kleine leben und sagt ihm sogar noch, wo seine Mutter steckt. Leider hat die großherzige Tat Linda nicht überzeugen können. Unser bis dahin so furchtloses Mädchen wurde beim Anblick des schwarzen Riesen kreidebleich, schleuderte das Buch in die Ecke und bestand nachdrücklich darauf, das „gruselige Buch" umgehend in die Stadtbücherei zurückzu- bringen. Seitdem hat Linda Angst vor Monstern.

Bevor sie ins Bett geht, schaut sie im Wandschrank nach, ob dort ein Ungeheuer lauert. Unter dem Bett sucht sie nach verräterischen Spuren, nach schwarzen Pfoten und langen, struppigen Haaren. Dabei bräuchte sie sich eigentlich gar nicht zu fürchten, denn sie wird von ihrer persönlichen Leibgarde bewacht. Seitdem sich Linda vor Monstern fürchtet, geht sie nicht mehr allein ins Bett. „Du musst mich beschützen", sagt sie und zerrt mich mit sich ins Schlafzimmer. Was bleibt mir übrig? Soll ich etwa das urkindliche Vertrauen zerstören, bloß weil ich gern noch ein Glas Wein getrunken hätte?

Kürzlich schöpfte ich jedoch Hoffnung – sollte Hollywood das Monster-Trauma lösen? Tagelang schleppte Linda Werbeflyer mit sich herum, auf denen „Findet Nemo" angepriesen wurde. Auf dem Cover: Bruce, der Hai, mit seinen riesigen gefährlichen Zähnen. „Der ist lieb", sagte Linda, „ich glaube, der frisst Bonyips". Und sie beschloss, zum ersten Mal in ihrem dreijährigen Leben ins Kino zu gehen und sich Bruce, den Hai, anzuschauen. Aber je näher der Kinotag heranrückte, desto unwilliger wurde unsere Kleine. Sie begann, an Bruce zu zweifeln. Der Hai sei doch ziemlich gruselig, meinte sie. Und am Kinotagmorgen sagte sie: „Der sieht ja aus wie ein Bonyip". Damit war die Sache entschieden.

Stattdessen sind wir ins Technikmuseum gegangen. Dort gibt es eine nette Ausstellung zum Thema Film – mit einer Laterna Magica, einer Diashow der Augsburger Puppenkiste, einem Kurbelkino und einer kleinen Sammlung von 30er-Jahre-Amateurfilmen. Darauf zu sehen: eine Hochzeit, Urlaub in den Bergen und eine Badeszene am See. Alles komplett jugendfrei. Ohne den „Weißen Hai", ohne Bruce und ohne Bonyip. Schade.

In der Stadtbücherei können sich Kinder kostenlos Bücher ausleihen. „Findet Nemo" läuft in allen großen Kinos. Ein schönes Buch über Monster ist „Mehr Monster, Willi Wiberg" von Gunilla Bergström. Das schaut sich selbst Linda an.

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