MONSTREN, MUMIEN, MUTATIONENKiss : Der große Rock-Schwindel

Jörg W er

Fanhysterie war in den letzten 50 Jahren häufig integraler Bestandteil relevanter Popmusik. Oft war die Begeisterung auch für Außenstehende nachvollziehbar: Elvis erwies sich als begnadeter Interpret schwarzer Stilvorlagen, die Beatles waren für ein paar Jahre schlicht die beste Band der Welt.

Manchmal aber überragt der Hype das Ausgangsprodukt auf groteske Weise. Kiss waren Anfang der Siebziger eine akzeptable Hardrock-Band mit einem gewissen Gespür für radiokompatible Singalong-Hits. In genialer Selbsterkennung ihrer Durchschnittlichkeit schminkten sich Gene Simmons und Kollegen Masken aufs Gesicht und schneiderten sich trashige Drag-Alufolien- Alien-Outfits, die selbst David Bowies Glamrock-Mutationen zur biederen Kostümshow degradierten. In Kombination mit einer größenwahnsinnigen, pyrotechnisch aufgemotzten Bühnenshow entstand ein von der verhandelten Musik weitgehend losgelöstes Pop-Phänomen: Wer Anhänger der „Kiss Army“ war, bezahlte dies mit dem kompletten Verlust seines Urteilsvermögens – hatte aber einen Riesenspaß dabei.

Natürlich haben auch Kiss den Zeitpunkt für ein würdiges Ende verpasst und das Gefolge mit tapsigen Gehversuchen in den ihnen fremden Genres Disco, Progrock und Soft-Punk auf harte Proben gestellt. Aber selbst die stillose Ersetzung der Originalmitglieder Ace Frehley und Peter Criss durch exakt gleich maskierte Neulinge konnte die Treue der Fans nicht brechen. Bleibt zu hoffen, dass Kiss im Jahre 2008 mehr zu bieten haben als die hüftsteife Oldievariation eines vor 30 Jahren unschlagbar witzigen und erstaunlich zukunftsweisenden Urerlebnisses.Jörg Wunder

Velodrom, Mo 9.6., 20 Uhr,

ab 50 € + VVK BK081

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