Montagsdemonstration : Helden wie ihr

Sie waren viele, und sie waren sich einig: auf der entscheidenden Montagsdemonstration heute vor 20 Jahren. Viele sind sie immer noch, nur die Einigkeit ist weg. Sie wollten es so. Oder so ähnlich. Von den Verknotungen der Leipziger Seele.

Sandra Dassler[Leipzig]
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Strahlen eines Ortes. Leipzigs Neues Rathaus, das Bundesverwaltungsgericht, das Hochhaus Wintergartenstraße und das City-Hochhaus...dpa-Zentralbild

Der Strom ist weg, abgestellt seit Beginn der Sanierungsarbeiten. Der Hausflur ist demzufolge düster, die Treppe gerade noch erkennbar. Mark Aretz steigt sie hinauf, hinauf in die Vergangenheit, öffnet die Tür zu einer Wohnung im zweiten Stock: ein Korridor, ein Wohnzimmer, verstaubt und dominiert von einem großen Bett mit schmutzigen Matratzen. Der Ofen wurde 1890 gesetzt, ein vergilbtes Waschbecken soll das Bad sein.

Es ist eine Wohnung in einem mehr als hundert Jahre alten Mietshaus in Leipzig, in der Küche stapeln sich schmutzige Teller, auf dem Tisch steht eine halb volle Flasche Wilthener Goldkrone, daneben liegt ein Brief, den das Leipziger Amtsgericht im Jahr 2006 verschickt hat. Wahrscheinlich an den Wohnungsinhaber. Geöffnet wurde der Brief nie. „Sieht nach Spontan-Aufbruch aus“, sagt Mark Aretz: „Etwa 15 Prozent der Wohnungen finden wir so vor. Nicht entrümpelt. Verdreckt. Fluchtartig verlassen.“

Aretz ist 45 und redet militärisch knapp. Der aus Westdeutschland stammende Reserveoffizier besitzt ein Architekturbüro und hat in Leipzig seit 1990 nicht nur viele neue Häuser gebaut, sondern auch 2000 Wohnungen saniert. Und Anfang dieses Jahres wurde Aretz mit einer seiner Häuserzeitreisen ein wenig berühmt. „Unberührte DDR-Wohnung in Leipzig entdeckt“, hieß die Schlagzeile, sogar in Neuseeland schrieben sie darüber. Die Wohnung im Stadtteil Reudnitz, die er der Presse vorstellte, ähnelte dieser hier – mit einem Unterschied. Sie war 1989 verlassen und, sagt Mark Aretz, danach nie wieder betreten worden.

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1989 war Monika Führer – die Frau von Christian Führer, dem einstigen Nikolaikirchenpfarrer und Mitbegründer der Leipziger Friedensgebete, aus denen die Montagsdemonstrationen hervorgingen – 45 Jahre alt. Sie erinnert sich an den 9. Oktober: „In der Kanzlei der Nikolaikirche traf gegen 22 Uhr der letzte Fahrradbote mit der Nachricht ein: Es ist nicht geschossen worden. Alles ist friedlich geblieben.“

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Aretz lud Journalisten in die 1989 verlassene Wohnung ein, die darüber berichteten, was sie vorfanden: schmutziges Bettzeug, volle Aschenbecher, Zigarettenschachteln, eine leere Flasche Kristall-Wodka, dreckiges Geschirr …

„So waren unsere Wohnungen nicht“, schrieb eine Frau an die „Leipziger Volkszeitung“, bei der Hunderte von empörten Leserbriefen eingingen: „In dieser Bruchbude lebten ja offenbar Asoziale.“ Eine Nachrichtenagentur wurde mit Anrufen bombardiert, weil sie geschrieben hatte, im Brotfach lagen „die als Gummiadler verspotteten Ostbrötchen“. Die Leipziger amüsierten und ärgerten sich noch einmal. Gummiadler hießen nicht die Brötchen. Gummiadler hießen die Broiler, also die Brathähnchen.

Die „unberührte DDR-Wohnung“ ist inzwischen fast fertig saniert, künftige Mieter werden fünf bis sechs Euro je Quadratmeter zahlen, was Aretz viel zu wenig findet. „Die Leipziger sind in Sachen Mietpreise verwöhnt“, sagt er, „sowohl durch das üppige Angebot als auch durch ihre Ost-Vergangenheit.“

Die Leipziger sind durch ihre Ost-Vergangenheit aber nicht nur in Sachen Mietpreise verwöhnt, sie sind auch verwöhnt durch eine Erfahrung der Geschlossenheit, Gemeinschaft, Solidarität – wie immer man das nennen will, es ist etwas Bedeutendes.

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Sonntag, 8. Oktober: „Nach dem Gottesdienst wurde mein Mann von Ärzten angesprochen, die ihm erzählten, sie hätten Stationen in den Krankenhäusern ,für Schussverletzungen’ frei räumen müssen.“

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Am 9. Oktober 1989 gingen 70 000 von ihnen auf die Straße, auf den Ring, obwohl es üble Drohungen gegeben hatte in diesen Tagen. Zum Beispiel – abgedruckt in der „Leipziger Volkszeitung“ als Leserbrief eines Kampfgruppen-Kommandeurs – diese: Man müsse die seit Anfang September stattfindenden Montagsdemonstrationen, „diese konterrevolutionären Aktionen, endgültig und wirksam … unterbinden. Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand!“

Eine Woche später waren sie schon 120 000, wieder eine Woche später über 300 000, mehr als die Hälfte der Einwohner der Stadt. Sie waren sich einig in zwei grundsätzlichen Dingen: dass es so wie bisher nicht weitergehen konnte und dass kein Blut fließen sollte.

Und heute? Heute sind die Leipziger in ihren Meinungen längst wieder das, was die Bürger einer großen, freien Stadt sein sollten. Uneins.

Mario Bretschneider zum Beispiel. Mario Bretschneider hatte einen Imbiss im Stadtteil Reudnitz, nicht weit von jener unberührten DDR-Wohnung entfernt, und er kann über das, was Architekt Aretz zu den Mieten meint, nur den Kopf schütteln. „Natürlich ist der Mietspiegel hier niedrig“, sagt Bretschneider: „Aber mehr können die ALG-II-Empfänger, Rentner oder Studenten, die hier wohnen, auch nicht zahlen. Ganz zu schweigen von den Ausländern: Jugos, Russen, Araber, Türken, Iraker – Reudnitz ist echt Multikulti.“

Bretschneider muss das wissen, denn sie alle waren seine Kunden, in seinem Imbiss, den er „Deutsches Nudelhaus“ genannt und vor zweieinhalb Jahren eröffnet hatte und inzwischen wieder schließen musste.

Bretschneider ist 41, in Leipzig geboren, hat Abitur und in den vergangenen 20 Jahren vieles versucht. War Bäckerei-Fahrer, arbeitete im Gemüsehandel, verkaufte Versicherungen und studierte Vermessungstechnik an der Abendschule. „Als ich damit fertig war, gab es nichts mehr zu vermessen“, sagt er: „Da war der große Boom in Leipzig vorbei. Die Steuervorteile für Ost-Immobilien und die Eigenheimzulage fielen weg.“

Ja, sagt Bretschneider, viele seiner Gäste seien 1989 mit auf die Straße gegangen. Und sie seien stolz darauf, ja, aber nicht zufrieden mit dem, was heute so in Leipzig läuft. Die Neue Messe, mit der sich der erste Oberbürgermeister nach der Wende, Hinrich Lehmann-Grube, ein Denkmal gesetzt habe, dümple vor sich hin. Die Arbeitslosigkeit war immer hoch, offiziell knapp unter 20 Prozent, und jetzt würden wegen der Krise weitere Jobs gestrichen, Geschäfte schlössen und das Kneipensterben halte seit Jahren an.

Wofür, nun ja, Leipzig nicht immer etwas kann. „Du bist ungerecht, Mario“, hatte – als es das „Nudelhaus“ noch gab – auch einmal einer von Bretschneiders Gästen gesagt. „Die vielen sanierten Häuser, der neue Bahnhof. Und die Leute sind freundlich.“ Bretschneider entgegnete: „Vielleicht zu freundlich. Die hätten den Politikern hier längst auf die Finger kloppen müssen – schon allein wegen dieses City-Tunnels. Da müsste mal wieder jemand rufen ,Wir sind das Volk‘, denn wir brauchen diesen Tunnel nicht.“

Der Bau des City-Tunnels ist tatsächlich – neben dem Streit um einen Universitätsneubau an der Stelle, wo die SED 1968 eine Kirche sprengen ließ – eines der größten Ärgernisse in Leipzig. Die knapp vier Kilometer lange Röhre wird den Hauptbahnhof mit dem Bayerischen Bahnhof verbinden. Doch die ursprünglich geplanten Kosten von 572 Millionen Euro und die Fertigstellung Ende 2009 sind längst Geschichte. Der Tunnelbau wird viel teurer, dauert mindestens bis Ende 2012.

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Montag, 9. Oktober, morgens: „Eine Mutter rief aufgeregt im Pfarramt an. Als sie ihre Tochter im Kindergarten abgegeben habe, sei sie aufgefordert worden, das Kind ,sicherheitshalber’ schon am Mittag wieder abzuholen und nicht nachmittags oder abends.“

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Auch in der Nähe des Stadtbüros in der Katharinenstraße wird gebuddelt. Dort stellt sich der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung jeden zweiten Monat den Fragen des Volkes. Geduldig verteidigt der 51-Jährige vor den Einwohnern den Bau des City-Tunnels und diverse Schulschließungen. Als sich ein älteres Ehepaar beschwert, das nachts wegen des Lärms vom Flughafen nicht schlafen kann, nickt der SPD-Oberbürgermeister verstehend. Erklärt, dass er leider keinen Einfluss auf die Einflugschneisen habe, dass sich aber viele Firmen „mit ganz vielen Jobs!“ nur deshalb am Flughafen Leipzig angesiedelt haben, weil es dort kein Nachtflugverbot gibt.

Erst bei der von mehreren Bürgern gestellten Frage „Wozu brauchen wir ein Einheitsdenkmal?“ verliert sich das freundliche Lächeln auf dem Oberbürgermeister-Gesicht. „Wer würde heute noch an die Völkerschlacht denken, wenn in Leipzig kein Völkerschlachtdenkmal stünde?“, fragt er. Die Bürger schauen zweifelnd. Jung spricht sie direkt an: „Ich begreife es einfach nicht, Leute! Da entschließt sich der Bund – nach unseren massiven Protesten – nicht nur in Berlin, sondern auch in Leipzig ein Denkmal zu errichten – und dann wollt ihr es nicht?“

Der Oberbürgermeister redet sich in Rage: „Diese Stadt verdient das Denkmal mehr als Berlin“, ruft er den rund 80 Menschen im Raum zu: „Diese Stadt hat die friedliche Revolution in der DDR eingeleitet.“ Er stockt kurz und setzt etwas leiser hinzu: „Die Menschen hier haben das getan – ich war ja damals nicht dabei auf dem Stadtring.“ Jetzt applaudieren einige Zuhörer doch. „Wenigstens ist er ehrlich“, sagt ein Mann in der letzten Reihe zu seinem Nachbarn. Es ist nicht leicht, Bürgermeister einer Heldenstadt zu sein, wenn man bei der Heldentat nicht dabei war. Jung stammt aus Westfalen. Vielleicht engagiert er sich deshalb so für das Denkmal. Erfolgreich übrigens, denn – glaubt man diversen Umfragen – im Januar waren noch 75 Prozent der Leipziger dagegen. Jetzt sind es nur noch 15 Prozent.

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Montag, 9. Oktober, mittags: „Ein Ladenbesitzer meldete sich. Er sei angewiesen worden, sein Geschäft früher als sonst zu schließen.“


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Jungs Vorvorgänger Hinrich Lehmann-Grube spricht angesichts solcher Stimmungsumschwünge von „Verknotungen in der Leipziger Seele“. 1990 kam der heute 76-Jährige aus Hannover nach Leipzig, nahm noch die DDR-Staatsbürgerschaft an, bevor er zur Oberbürgermeisterwahl antrat. Bis 1998, als er die Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger Wolfgang Tiefensee abtrat, blieb er Stadtoberhaupt.

Für Lehmann-Grube ist die Entwicklung Leipzigs nach der Wende trotz mancher Rückschläge eine Erfolgsgeschichte. „Der Aufbau der Verwaltung, die Innenstadt-Sanierung, der Messe-Neubau, die Rettung vieler alter Gebäude – all das war eine große Leistung“, sagt er.

Dass viele Leipziger trotzdem nicht zufrieden sind, liegt seiner Ansicht nach vor allem daran, dass ihre viel zu hohen Erwartungen noch durch falsche Versprechungen bekräftigt wurden. „Man hätte diesen Menschen, die eine friedliche Revolution auf den Weg gebracht haben, ehrlich sagen können und sagen müssen, dass es sehr schwierig wird.“

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Montag, 9. Oktober, nachmittags: „Mehrere Anrufer sagten, dass sie große Angst hatten. Sie fragten, ob die Kirche sie schützen kann. Einige weinten am Telefon. Andere baten: ,Beten Sie für uns!’“

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Christian Führer, der einstige Nikolaikirchenpfarrer, hat eine andere Erklärung als Lehmann-Grube. „Die Menschen sind vom theoretischen Materialismus des sogenannten Sozialismus in den praktischen Materialismus des Westens gespült worden“, sagt er. Die Leipziger hätten sich im Herbst 1989 gerade von der „elenden DDR-Mentalität“ nach dem Motto „Lass die da oben mal machen“ befreit, sinniert der 66-Jährige, da seien sie schon in die nächste Abhängigkeit, geraten: die wesentlich subtilere des Konsums.

Führer ist zwar nun im Ruhestand, mischt sich aber immer noch ein. „Die Demokratie haben wir erkämpft“, sagt er. „Jetzt geht es um ein Wirtschaftssystem, das besser zu dieser Demokratie passt als das gegenwärtige. Eines, das nicht gnadenlos die Gier anstachelt, sondern auf eine solidarische Ökonomie setzt. So wie die soziale Marktwirtschaft ursprünglich war oder sein sollte.“

Er hat sich gefreut, dass die Leipziger bei einem Bürgerentscheid im Januar zu fast 90 Prozent gegen die Privatisierung der Stadtwerke gestimmt haben. Und richtig stolz auf sie war er wieder, als sie 2006 zu Hunderten mit ihm Mahnwachen hielten, nachdem zwei aus der Gegend stammende Ingenieure im Irak entführt worden waren. „Wer da teilnahm, hatte keine materiellen Vorteile“, sagt Führer. „Es gab keine Kaffeeservices und keine Bonuspunkte. Aber das bloße Zeigen von Mitgefühl hat den Menschen so gut getan.“

Da waren sie, was die in ihren Meinungen uneinigen Bürger einer großen, freien Stadt sehr selten sind. Sie waren, was die Leipziger einmal in einem entscheidenden Moment ihres Lebens gewesen sind. Beieinander. Eins.

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