Zeitung Heute : Moorhuhn-Fieber: Moorhühner im Bett (Glosse)

Stephan Wiehler

Der Mensch ist ein seltsames Raubtier. Seit er sich zum aufrechten Gang über alle Kreaturen erhoben hat, rückt er seiner Beute mit immer ausgeklügelteren Jagdwerkzeugen zu Leibe. Pfeil und Bogen, Speer und Schießgewehr zeugen von einem Maß an Heimtücke und Hinterhältigkeit, die homo sapiens sapiens den höchsten Ehrenplatz unter den Serienkillern des Planeten Erde sichern. Als echte Killernatur nährt seinen Jagdrinstinkt mehr als pure Fleischesgier. Er treibt einen regelrechten Kult um sein tödliches Handwerk, wenn er seine Opfer enthäutet oder enthauptet, sich in ihr Fell hüllt oder ihre Köpfe als Trophäen an die Wand nagelt.

Freilich hat der moderne Mensch seinen brutalen Drang zu rituellen Opfern inzwischen kulturell gezügelt, doch die Spuren seiner wilden Vorgeschichte und der Hang, aus seiner Beute einen Fetisch zu machen, werden uns gerade wieder sinnfällig vor Augen geführt. Kaum lag die neueste Version der Moorhuhnjagd vor, luden sich Hunderttausende das Computerspiel aus dem Internet herunter. Monatelang hatte die Vorgänger-Version ganze Bürogemeinschaften lahmgelegt, jetzt ist die zweite Jagdsaison auf den Cartoonvogel mit den Kulleraugen eröffnet. Auch wenn die Schützenkönige unter den Moorhuhnjägern beim Wettkampf um die höchsten Abschussquoten nur auf virtuelle Beute zielen, unterscheidet sie im Fetisch um ihre Opfer offenbar nur wenig von ihren Artgenossen aus grauer Vorzeit. Ein Bettengeschäft am Nollendorfplatz verkaufte diese Woche bereits 200 Garnituren Moorhuhn-Bettwäsche. Der Nachschub stockt. Müde Jäger müssen jetzt drei Wochen auf ihre Trophäe warten.

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