Zeitung Heute : Moralischer Sieger

Der türkische Ministerpräsident Erdogan ist stolz – und will jetzt von der EU belohnt werden

Thomas Seibert

In Ankara trat am Sonntagmorgen ein entspannter Recep Tayyip Erdogan vor die Presse. In offenem Hemd und mit lässigen Gesten zog der türkische Ministerpräsident Bilanz. Bescheiden war er nicht gerade. „Den größten Erfolg seit 50 Jahren“ habe die türkische Diplomatie errungen, sagte Erdogan. Und behauptete selbstbewusst, dass Ankara alles für eine Lösung auf der geteilten Mittelmeerinsel getan habe. Als Konsequenz aus dem Nein der griechischen Zyprer fordert Erdogan ein Ende der Isolierung des türkischen Inselteils. Die Türken erleben ein völlig neues Gefühl: Zum ersten Mal sind nicht sie die Buhmänner auf Zypern, sondern die Griechen.

Erdogan hatte Anfang des Jahres die Wende in der türkischen Zypern-Politik eingeleitet. Die Türkei werde den Griechen in Sachen Kompromissbereitschaft immer einen Schritt voraus sein, kündigte er an. Dabei ging es dem Premier vor allem um Pluspunkte für die türkische EU-Bewerbung. Zunächst brachte Erdogan die mächtigen türkischen Militärs dazu, die neue Linie zumindest nicht zu torpedieren. Geschickt bootete er dann den als Hardliner bekannten türkisch-zyprischen Volksgruppenführer Rauf Denktasch bei den Verhandlungen aus – unter dem Druck der Schutzmacht Türkei musste Denktasch das UN-Modell eines neuen Bundesstaates auf Zypern anerkennen und eine Volksabstimmung über die Staatsgründung zulassen. Erdogan profitierte auch davon, dass der griechisch-zyprische Präsident Tassos Papadopoulos mit seiner offenen Ablehnung des UN-Plans freiwillig die Rolle des Spielverderbers übernahm.

Jetzt sieht Erdogan sein Ziel erreicht: Die Inseltürken und auch die Regierung in Ankara stehen als moralische Sieger da. Über Jahre seien immer die Türken für die Teilung von Zypern verantwortlich gemacht worden. „Jetzt hat sich die Lage völlig gewandelt“, sagte Erdogan. „Dieser Erfolg nötigt selbst den Kritikern von Erdogans Regierungspartei AKP Respekt ab. Er habe der AKP bisher immer skeptisch gegenüber gestanden, schrieb der Chef-Korrespondent der Zeitung „Hürriyet“, Sedat Ergin. Nun aber sei Lob angebracht.

In ihrem Verhältnis zur EU wird die Türkei nun selbstbewusster auftreten. Nach eigener Auffassung hat die Türkei europäische Reife bewiesen – und sollte dafür auch belohnt werden. Schon an diesem Dienstag wird Bundeskanzler Gerhard Schröder bei einem Treffen mit Erdogan in Köln erfahren, was sich die Türken für ihr Wohlverhalten so alles wünschen.

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