Zeitung Heute : Mord im Wüstenschloss

Bewegte Geschichte im Kalifenpalast Qasr al-Mschatta – Bauhistoriker entdecken den Ursprung islamischer Ornamentik

Patricia Pätzold
Blick in die Vergangenheit. Bauforscher der TU Berlin und weitere beteiligte Institute wollen die Ruinen des Schlosses mitten in der jordanischen Wüste sichern und für Touristen zugänglich machen. Deutschland und Jordanien arbeiten dabei Hand in Hand. Foto: Auswärtiges Amt/Zohrab
Blick in die Vergangenheit. Bauforscher der TU Berlin und weitere beteiligte Institute wollen die Ruinen des Schlosses mitten in...

Viele Krimis ranken sich um das „weiße Schloss“ mitten in der Wüste Jordaniens, um Qasr al-Mschatta, von dem heute nur noch eine verfallene Ruine zeugt. Es geht um Mord und Machtintrigen in grauer Vorzeit, um die Anfänge islamischer Kunst, um eine Freundschaft zwischen Orient und Okzident vor über 100 Jahren und um ein Meisterstück deutsch-jordanischer Diplomatie in unserer Zeit.

„Nach mehr als einem Jahrhundert bedankt Deutschland sich nun für eines der monumentalsten Geschenke, die je vergeben wurden“, schreiben Ende März jordanische Zeitungen. Sie feierten die Bemühungen deutscher Teams, die mit ihrer Sachkompetenz helfen, die 1300 Jahre alte Wüstenpalastanlage „al-Mschatta“ nahe der Hauptstadt Amman zu restaurieren und zu konservieren.

Sechs Wochen wird die Jordanien-Expedition dauern, zu der sich die TU-Bauforscherin Barbara Perlich soeben aufmacht. „Die gesamte Ruine des 150 mal 150 Meter großen Palastkomplexes haben wir in den letzten zwei Jahren mit moderner Technik vermessen, millimetergenau untersucht, dokumentiert und spannende Entdeckungen gemacht“, erzählt sie. Nun wird das Erdreich mit Sonden untersucht und erstmals auch gegraben. In dem Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vom Auswärtigen Amt gefördert wird, arbeitet die TU Berlin mit Bauforschern, Architekten und Archäologen der jordanischen Antikenverwaltung und dem Museum für islamische Kunst im Berliner Pergamonmuseum zusammen.

„Zunächst müssen wir Fragen zur Datierung, Ausstattung und Nutzung des frühislamischen Baumonuments klären. Dann wird die Ruine gesichert und zum Teil wieder errichtet“, erklärt Perlich. Unter anderem konnten schon die Kuppel über der Audienzhalle und die Architektur eines Säulenhofs rekonstruiert werden. Später sollen die Jordanier diese kunsthistorisch wertvolle Anlage – sie steht auf der Vorschlagsliste für das Unesco-Welterbe – weiter restaurieren. Sie werden von den deutschen Wissenschaftlern derzeit dafür ausgebildet.

Im Computer entsteht nun eine detaillierte Darstellung der gesamten Fassade. In der Ruine fehlt ein 47 Meter langes Stück der Hauptfassade. Das steht Tausende Kilometer entfernt als Beispiel frühislamischer Steinmetz- und Ornamentkunst im Berliner Pergamonmuseum.

Doch wer an Beutekunst denkt, liegt falsch. Im Jahre 1903, mehr als 1000 Jahre nachdem Kalif Walid II. den Wüstenpalast erbaut hatte, schenkte der osmanische Sultan Abdul Hamid II. dem deutschen Kaiser Wilhelm II. die wertvolle Hauptfassade von al-Mschatta als Zeichen der Freundschaft. „Rückgabeforderungen seitens der Jordanier gibt es deshalb nicht“, sagt Günther Schauerte, stellvertretender Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin.

Die Zeiten waren rau, als Walid II. um 742 n. Chr. die Anlage erbaute. Der als prunksüchtig bekannte Kalif gehörte zur Dynastie der Umayyaden, die das islamische Reich zwar nur rund 100 Jahre regierte, die Geschichte des Orients aber stark beeinflusste. Die Umayyaden schafften die Wahl des Kalifen zugunsten einer erblichen Thronfolge ab und begründeten damit eine arabische Aristokratie. Frieden schufen sie damit aber nicht. Krieg und Mordlust kennzeichneten die Herrschaft dieser Kalifen, die sich in rascher Folge abwechselten. Nach ihrer Vertreibung aus dem Orient flohen sie nach Westeuropa und gründeten in Spanien das Emirat Cordoba. Auch Walid II. war im Streit um das höchste Amt einem Mord zum Opfer gefallen. Er scheint aber vorher in al-Mschatta logiert zu haben.

„Neben einer gesicherten Datierung zeigt unsere bauarchäologische Untersuchung, dass die Anlage in ihren Hauptteilen fertig gestellt war und eine Zeitlang auch genutzt wurde“, sagt Johannes Cramer, Professor für Bau- und Stadtbaugeschichte an der TU Berlin und Leiter des Gesamtprojekts. „Zahlreiche, bisher nicht wahrgenommene Reste der Innenausstattung wie der Verputz der Wände verweisen darauf.“ Vor allem aber fand man zehntausende von Mosaiksteinchen. Die Dekoration der Wände mit Mosaiken gehörte im 8. Jahrhundert zu einer anspruchsvollen Bauanlage. Auch eine spezielle Bewässerungstechnik beweist, dass Menschen in al-Mschatta gelebt haben, denn: „Solche Schöpfungen gehören eindeutig nicht mehr zum Rohbau.“

Ob der historische Krimi um Thronstreit und Mord sich hier abgespielt hat, kann man allerdings nicht mehr sagen. „Für uns Wissenschaftler sind ganz andere Dinge spannend“, sagt Bauforscherin Barbara Perlich. Waren es Festungen, Wegestationen oder gar Residenzen? Hatten die Architekten die Pläne im Kopf? Einige Rätsel konnten die Wissenschaftler inzwischen lösen. „Während des Bauverlaufs verschmelzen Einflüsse aus Rom, Byzanz, Persien und der Kopten zu einem eigenständigen islamischen Kunstwollen“, erklärt Cramer. „Wir werden quasi Zeugen der Geburtsstunde islamischer Baudekoration, denn in dieser Zeit entstand auch die neue Religion.“

Holger Grönwald, ebenfalls Wissenschaftler im TU-Fachgebiet, zeichnete den gesamten Baudekor von Hand im Maßstab 1:5 ab. „Das hochtechnische Laser-Scanning ließ keine sinngerechte Analyse zu“, erklärt er. So wurden zum Beispiel auf Wänden und Fußböden 1:1-Baupläne als Ritzzeichnungen entdeckt. Dreiviertel der Steine, tonnenschwere Muschelkalksteine wie Tausende rotbrauner Backsteine, sind noch vorhanden und werden wieder verwendet. Nach einer baustofflichen Analyse in Deutschland werden nach historischem Rezept in Jordanien aber auch neue Ziegel gebrannt.

2012 sollen die ersten Touristen in den gesicherten Ruinen des Wüstenschlosses die Vergangenheit erkunden können.

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