Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Der Schredder in meinem Kopf

Was passiert, wenn man während eines Fußballspiels deutsche Sprache erklären muss.

Moritz Rinke
Moritz RinkeFoto: Mike Wolff

NOCH MEHR AKTEN IN BERLIN GESCHREDDERT“, las meine Freundin aus Istanbul in der Zeitung. „Was bedeutet geschreddert?“

Wir wollten die Länderspiele Türkei gegen Dänemark und Deutschland gegen Holland am Kottbusser Tor schauen, darum antwortete ich knapp: „Das bedeutet, dass man etwas zerkleinert.“ Ich wusste, dass ich mich gleich wieder für mein Land würde schämen müssen und fügte hinzu: „Es werden in der Tierhaltung auch ausgesonderte Hahnenküken geschreddert und zu Tiermehl verarbeitet. Aus solchem Schreddern ist dann auch BSE entstanden. Gut, dass wir nur Falafel essen!“

„Küken und Neonazi-Akten schreddern ist beides schlimm!“, sagte sie. „Ihr Deutschen hebt doch sonst immer alles auf? Warum nicht diese Akten?“

Sie hatte natürlich recht. Wir Deutschen heben wirklich alles auf, nur eben keine ausgesonderten Hahnenküken und Neonaziakten. Jeden Parkschein, den ich bei der Steuererklärung einreiche, muss ich mindestens zehn Jahre aufheben, aber der Verfassungsschutz vernichtet mir nichts, dir nichts Akten über rechtsextreme Netzwerke, die auch in den Ermittlungen gegen den Nationalsozialistischen Untergrund eine Rolle spielen.

„Tor!“, rief ich meiner Freundin aus Istanbul zu, die Türkei hatte gerade verdient ausgeglichen, aber sie ließ nicht locker: „Warum wolltest du zur Eröffnung der neuen türkischen Botschaft?“

„Weil ich dachte, du freust dich, wenn ich mich für dein Land interessiere?“, antwortete ich.

„Warum schreiben deine Kollegen, dass es Ornamente in der Botschaft gibt, aber niemand schreibt über den Hungerstreik der Kurden und dass Erdogan in der Türkei die Todesstrafe einführen will??“

„Die Todesstrafe?“, fragte ich entsetzt.

„Ja, aber ihr seid Ornamentsjournalisten, weil ihr durch die Brille der westlichen Politiker guckt, die sogar türkische Todesstrafen schlucken, wenn man ansonsten schön zusammen Marktwirtschaft machen kann!“

„Moment mal“, sagte ich. „Der politische Journalismus in Deutschland ist weltweit gefürchtet, unabhängig und lückenlos!“

„Und warum berichtet dann keiner, was mit den Kurden in den Gefängnissen passiert?“

„Darüber wurde berichtet, aber nicht mehr so viel.“

„Wer auch nur ein Wort über die Ornamente in der türkischen Botschaft verliert, ist ein zynischer, kalter Mensch!“

„Die Kollegen sind nur müde. Das Kurdenthema gibt es schon eine Ewigkeit, solche Themen kommen leider irgendwann in einen Bewusstseinsschredder. Wir alle haben Schredder im Kopf, um trotz Krisen und schwieriger Themen leben zu können.“

„Ach so“, sagte sie. „Die Neonazis sind ja auch so ein Thema, darum muss man die Akten schreddern??“

„Nein, aber je mehr und schneller die Journalisten Schlimmes herausfinden, umso öfter und schneller müssen sie den Bewusstseinsschredder anmachen, sonst platzen sie. Wir auch. Politiker ebenso. Merkel könnte ohne Bewusstseinsschredder gar nicht nach China oder Russland reisen. Und so ein alter Hut wie BSE oder Ehec zum Beispiel ist längst im Bewusstseinsschredder genauso wie dieses langweilige Ozonloch, Fukushima, bald auch die Bankenregulierung oder dieses ewige Kurdenthema.“

„Das ist schrecklich“, sagte sie. „Mit deinem Bewusstseinsschredder geht die Welt zugrunde.“

„Wahrscheinlich“, sagte ich. Aber wenn wir jetzt noch unser Bewusstsein über den Bewusstseinsschredder schreddern, dachte ich, dann könnten wir in Ruhe die Fußballspiele gucken.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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