Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Homo Rinke

Die hellblaue Suhrkamp-Ausgabe entnahm ich einem Buchregal von der dritten Frau meines Vaters. Das war 1984, fünf Minuten vor der Abreise mit meiner 2CV-Ente und einem Jugendfreund. Die erste richtige Männerreise, Nizza, ans Meer, zu den Französinnen. Im Gepäck des Freundes sah ich „Anna Karenina“. Dann lief ich noch schnell zurück. Ich weiß nicht mehr, warum ich zu diesem Band griff. Vielleicht, weil mit diesem Blau auch die Fenster unseres Hauses gestrichen waren. Max Frisch, der Name klang außerdem sehr gut.

Am Strand der Côte d’Azur dann gelesen: Stiller, der Bildhauer, der vorgibt, Mr. White zu sein, interessiert sich nicht für das Ballett seiner Frau Julika. Und umgekehrt interessiert sich Julika nicht für die bildende Kunst. Sie leidet an Tuberkulose, er an Misserfolg, hat eine Affäre mit Sibylle. Dann brach ich ab. Es hatte keinen Sinn, mit 18 in einer umgebauten Ente auf einer Isomatte einen Eheroman aus dem Buchregal der dritten Frau meines Vaters zu lesen!

„Ist es nicht gut?“, drehte sich der Freund mit „Anna Karenina“ fragend um, so dass das ganze Auto wackelte. „Doch, doch, und deins?“ Ich hatte ja keine Ahnung, dass er auch einen Eheroman las.

Jahre später musste ich „Stiller“ lesen, Uni-Seminar in Gießen. Der Sand von der Côte d’Azur rieselte noch aus der Ausgabe, aber jetzt las ich einen ganz anderen Roman. Ein Mann will nicht die alte Rolle, er will ein neues Leben. „Ich bin nicht Stiller!“ Geht das denn? Plötzlich las sich alles wie ein Aufruf, sein Leben und die Geschichten möglichst selbst zu erfinden!

Ich wollte Frisch einen Brief schreiben. Ich schrieb den ganzen Winter 1991 an dem Brief, als ich ihn abschicken wollte, war Max Frisch tot.

Fünf Jahre später lernte ich bei meiner ersten Lesung Marianne Frisch kennen, die zweite Frau von Max Frisch. Ich zitterte vor Ehrfurcht. Sie sagte: „Ihr Buch ist am Ende etwas lang.“ Ich kannte sie nur aus der berühmten Frisch-Erzählung „Montauk“, ich hatte auch das Gefühl, ich stehe vor einer Erfindung, direkt vor „Montauk“, und plötzlich sagt mir ein Buch, dass mein Buch am Ende zu lang sei. Das war seltsam.

Marianne war aber kein Buch, sie hat mich dann am Schauspielhaus in Zürich empfohlen, eigentlich am Max-Frisch-Theater. Vor meinem ersten Probenbesuch lag ich im Hotelbett mit „Stiller“. Ich hörte ein lautes Stöhnen, eher Schreie, lief auf den Gang und sah durch eine halb offene Tür ein Paar – der Mann lag in Ketten. Man muss dazu sagen, dass das Theater in Zürich damals erheblich sparen musste und Jungautoren in einem bordellartigen Stundenhotel in der Rosengasse untergebracht wurden.

Ich lief zurück in mein Bett zu „Stiller“ und dachte, vielleicht gibt es doch Geschichten, die man nicht erfinden kann. Der Mann nebenan schrie mittlerweile so, als würde eine Kuh sterben (Sado Maso!), aber was mich beruhigte, war der alte Sand von der Côte d’Azur, der ganz still aus dem Buch in das Stundenhotel rieselte.

Seit Jahren nehme ich dieses Buch nun immer als Schutzpatron auf längere Reisen mit. (Damit mich keiner in Ketten legt! Frischthema!) Wie Rolf, der Staatsanwalt im „Stiller“, den fleischfarbenen Kleiderstoff um die halbe Welt trägt, trage ich das völlig zerknitterte und verbogene blaue Buch mit mir herum. Ich lese darin gar nicht mehr, ich habe es nur einfach gerne bei mir.

Vor einigen Monaten sah ich Volker Schlöndorff mit dem Jaguar von Max Frisch, der Regisseur bekam ihn als Geschenk für die „Homo Faber“-Verfilmung. Ich lief heimlich um den Jaguar und dachte: Was wäre das für ein Ende meiner Max-Frisch-Geschichte.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar