Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Ihr sollt euch auf mein Textgebilde einlassen!

Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-MatweyFoto: Mike Wolfff

Längst vorbei, ich weiß, aber wie kann ein Schriftsteller eine Buchmesse in einer Woche verarbeiten? Dabei gilt die Messe in Leipzig noch als angenehm. Lichte, helle Korridore mit Glasüberdachung, Parkettfußboden, verkleidete Schüler, die in Kostümierung (Manga!) freien Eintritt haben – und weniger Hallen als in Frankfurt, wo sich ein Schriftsteller circa 500 000 Neuerscheinungen ausgesetzt sieht. In Leipzig sind es auch nur 1500 Autoren, man teilt sich also mit 1500 Kollegen 150 000 Messebesucher, da hat jeder 100 für sich. Mehr dürften es auch nicht sein, sonst dreht man durch. Ein Autorenkollege sagte: „Das Schlimmste sind die nicht zu Ende geführten Gespräche. Ich muss Schlaftabletten nehmen, damit ich die nicht im Bett mit mir selbst zu Ende führe.“

Bei mir ist es eher so, dass ich eigentlich schon auf der Messe Kokain nehmen müsste, um überhaupt Gespräche zu führen. Am meisten Kokain bräuchte ich beim Signieren. EIN SACHSE: „Sagen Sie mal, können Sie Ihren Namen nicht deutlicher schreiben?!“ ICH: „Aber so ist nun mal meine Unterschrift, tut mir leid.“ SACHSE: „An Ihrer Stelle würde ich es mit Druckschrift machen. Ort und Datum jetzt bitte ordentlicher!“

Normalerweise müsste man sich ja freuen, dass jemand das eigene Buch kauft (ich freu mich ja auch), aber dafür wird man bei jedem fünften Kauf in Haft genommen: „Schreiben Sie auf die letzte Seite ein Schlusswort!“ – „Aber mein Buch hat doch schon ein Schlusswort!“ – „Die letzte Seite ist frei, ich denke, Sie sind Schriftsteller?“

Neue Romanschlüsse auf der Messe schreiben geht wirklich nicht. Schon das Vorlesen auf der Messe ist im Grunde der Wahnsinn. „Sagen Sie mal Rodin! Sie haben das eben in der Lesung falsch ausgesprochen. Sprechen Sie nach: R o d i n!“ – „Ich habe das richtig ausgesprochen! Vielleicht hat der Hallenkrach R o d i n verzerrt? Außerdem musste ich auch gegen Nina Hagen und Karel Gott anlesen!“

Man muss ja wirklich gegen alles anlesen, womit Menschen Krach machen können: Gott, Musikkapellen, Tombolas, Cappuccinomaschinen, Werbetrailer.

Dann sind die Mehrzahl der 1500 Autorenkollegen ja eigentlich gar nicht mehr Autoren, sondern TV-Comedians, bei deren Worten die Sachsen aufbrüllen wie bei Tokio Hotel. Jeder Autor, ob er will oder nicht, wird hier auch zum Marktschreier, sogar die deutschen Lyriker! Nach außen brüllen sie ihre Sätze, aber so, wie sie da zwischen den Pappwänden auf den Podien sitzen, würden sie am liebsten aufspringen und endlich RUHE!!!!! befehlen, IHR SOLLT EUCH VERDAMMT NOCH MAL AUF MEIN TEXTGEBILDE EINLASSEN!!!

Das ist gar nicht so einfach auf der Messe. Ich versuchte mich einmal auf Richard von Weizsäcker einzulassen, aber dabei schoben sich so viele kostümierte, dicke, irgendwie unjapanische Manga-Schülerinnen an einem vorbei, dass von Weizsäcker und ich darin untergingen. Hat Sachsen eigentlich ein Problem mit Überernährung? Wie Herden ziehen die riesigen, bunten Manga-Hintern durch die Korridore und manchmal kommen ihnen die großen deutschen Feuilletonisten-Köpfe entgegen; Manga-Herden, Feuilletonisten-Hegeherden, dazwischen die brennenden Seelen der Autoren, halb Barton Fink in Hollywood, halb Rimbaud auf dem Weg in die Fremdenlegion … („R r r e e m b a u d!!! Sprechen Sie sofort nach!!!!)

PS: Die plötzliche Stille ist ganz unerträglich. Ich komme natürlich nächstes Jahr wieder nach Leipzig. Dann entschuldige ich mich bei allen Sachsen! Und das mit der Überernährung kann man auch positiv sehen.

Vom Autor erschien gerade: „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ bei Kiepenheuer & Witsch. Hier schreiben im Wechsel: Moritz Rinke, Elena Senft, Jens Mühling und Christine Lemke-Matwey.

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