Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Messie, Messi!

Am Tage des Rückspiels im Championsleague-Halbfinale Barcelona gegen Madrid habe ich zum ersten Mal einen Messie getroffen.

Den spanischen Kommentator hörte man schon über die südlichen Berge Lanzarotes. Vor einem Haus auf einem malerischen Hügel saß ein Mann im Abendlicht und sah sinnierend in die Ferne. „Schau mal, Goethe in der Campagna!“, sagte ich zu Frau Wallraff, meiner Begleiterin, die mit ihrem Jeep der Kommentatorstimme durch die Berge folgte, bis wir direkt vor Goethe hielten.

„Wollen Sie das Spiel mit mir gucken? Bitte!“, sagte er. Er saß auf einem schimmeligen Hocker – er lag mehr als er saß –; ein staubbedeckter Fernseher stand auf dem vulkanischen Boden vor ihm und dahinter war kein römisches Aquädukt und kein griechisches Marmorrelief wie bei Tischbein, sondern eine verfallene Finca. Die eine Mauer war schon eingestürzt, und unter der verzogenen Eingangstür wuchsen Pflanzen hervor. Das Hemd des Mannes war blütenweiß und hob sich auffällig ab vom Verfall hinter ihm.

Wallraff war schon aus dem Jeep gesprungen, sie hatte 50 Euro auf Barcelona gesetzt und wischte mit dem Ärmel über den Bildschirm, so dass man nun auch die Mannschaften auseinanderhalten konnte.

„Ich hole Wein. Bleiben Sie bitte sitzen“, sagte der Mann und stieg über die Schnur für den Fernseher und durch das Loch in der Wand ins Haus; er schaute, ob wir ihm nachsahen ins Innere seiner Ruine.

„Ich glaube, das ist wirklich einer von diesen Menschen, die dieses Syndrom haben! Willst du etwa bleiben?“, flüsterte ich, aber Wallraff war mehr mit dem Foul oder Nicht-Foul an Ronaldo beschäftigt, während der Mann durch einen winzigen Korridor lief aus Kisten, Flaschen, Säcken, Stapeln, Dosen, Büchern und alten Elektrogeräten. Ein Toaster lag zwischen Pflanzen, die in einem Zimmer wuchsen, über dem ein Teil des Daches fehlte. Ein blauer Ball lag platt vor einer Toilette, die badezimmerlos im Innenhof stand.

Ich dachte nicht mehr an Goethe in der Campagna, sondern an Rilke in Worpswede, an dessen einzige Tochter, Rilke hatte ja ein Kind, das er nach zwei Jahren verließ. Die Wohnung der Rilke-Tochter wurde nach ihrem Selbstmord aufgebrochen und man fand Müll aus einem ganzen Jahrhundert: Hausmüll aus den 50er und 60er Jahren, gemischt mit Rilkes Sachen, der auch nichts wegschmeißen konnte, Müll aus dem Paris der 20er Jahre, aus München und Locarno, gemischt mit dem Tochter-Müll aus den 70er Jahren, alles aufgetürmt, gehortet und geklammert. Die Rilke-Tochter, so vermutet man, habe der Nachlass ihres Vaters überfordert und sie sei am Messie-Syndrom zugrunde gegangen.

Messie-Syndrom?

Der Begriff (von engl. Mess = Unordnung, Dreck, Schwierigkeiten) bezeichnet Defizite in der Fähigkeit, die eigene Wohnung ordentlich zu halten. Es können seelische Störungen vorliegen. (Verlassen-Werden, Trennung) Meist will der Messie keine seiner Erinnerungen mit dem Hausmüll entsorgen.

„Ich trage immer mein bestes Hemd bei so einem wichtigen Spiel!“, sagte der Mann und reichte drei Flaschen Wein ohne Gläser.

Später, in der 54. Minute, als das 1:0 für Barcelona fiel, tanzte er unter dem Abendhimmel mit Flasche und Insekten um den Bildschirm herum.

„Irgendwo habe ich noch Oliven!“, rief er, sprang wieder durch das Loch in der Wand, kringelte plötzlich wie jener Spieler auf engstem Raum umher und schoss den blauen Ball quer durch die Ruine.

„Das war ja wie Messi!“, rief ich, „Lionel ...“, ergänzte ich erschrocken. Der Mann drehte sich um. Er lächelte, verlegen. Und kam nicht wieder.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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