Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Mit der Krise vorm Kanzleramt im Schnee

Diese Szene spielt hinter dem Kanzleramt, im Haus der Kulturen der Welt, da war ich bei der Konferenz „Bonds“, das ist keine Konferenz über James-Bond-Filme, sondern über Schuldverschreibungen, über Schulden.

Moritz Rinke
Moritz RinkeFoto: Mike Wolff

„Vielleicht bist du der Krise verfallen“, sagte meine tschechische Freundin. „Du bist süchtig nach der Krise!“

Wir standen gerade in der Buchhandlung vom Haus der Kulturen, ich wollte das Buch „Verbranntes Geld“ eines italienischen Ökonomen kaufen, dazu die Titel „Kalkül und Leidenschaft: Poetik des ökonomischen Menschen“ und „Die Ökonomie von Gut und Böse“.

„,Die Ökonomie von Gut und Böse’ kann ich dir leihen“, sagte die Freundin, die zufällig mit dem Autor befreundet ist und erzählte mir, dass Tomás sich seine genialen Einfälle immer mit Kugelschreiber beim Autofahren auf Arm und Beine schreibe.

„,Die Ökonomie von Gut und Böse’ möchte ich lieber selbst haben“, sagte ich. „Außerdem ist es für deinen Freund gut, dann kann er sich ein Diktiergerät davon kaufen, es ist nämlich gefährlich, beim Autofahren geniale Einfälle auf Körperteile zu schreiben.

„Das ist doch nur eine Ausrede“, sagte sie. „Tomás ist Chefökonom der größten tschechischen Bank, der hat Diktiergeräte.“

„Ist mir egal! Ich kaufe ,Die Ökonomie von Gut und Böse’, basta!“, erklärte ich, aber vielleicht hat die Freundin recht, ich habe schon ungefähr zehn Bücher über das Wesen des Kasino-Kapitalismus, dazu die Titel: „Die Unersättlichen. Ein Goldman-Sachs-Banker rechnet ab“, „Die Unfehlbaren. Wie Banker und Politiker nach der Lehman-Pleite darum kämpfen, das Finanzsystem zu retten“, „Die Raubkapitalisten. Finanzkrise, wohin führst du uns?“, „Der größte Trade aller Zeiten: Wie der Hedgefonds-Superstar John Paulson in der Finanzkrise Milliarden verdiente“. Dieses Buch war echt teuer.

„Hast du eigentlich deine ganzen anderen Krisenbücher schon ausgelesen?“, fragte sie.

„Bald!“, antwortete ich, aber offen gestanden habe ich noch kein einziges dieser Bücher angefangen zu lesen. Ich weiß auch nicht, ich kaufe ständig Krisenbücher, nur wenn ich eines lesen will, denke ich, das wirst du nicht verstehen, die Krise ist zu komplex, kauf lieber ein einfacheres. Ich habe schon griffigere Titel wie „Stoppt das Euro-Desaster“ oder „Zerschlagt die Banken“ gekauft und auch nicht gelesen, weil ich in dem Moment, wo ich sie zu lesen beginnen will, plötzlich denke, Bücher mit griffigeren Titeln wollen selbst Geld mit der Krise machen, ich lese sie aus Protest nicht. Ich kaufe dann lieber seriöser klingende Titel wie „Von der Subprime-Krise zur Finanzkrise: Ursache und Auswirkungen“ oder „Finanzkrise: Mythos und Wahrheit“, das ich gewiss bald zu lesen beginne.

„Weißt du was?“, sagte sie, „du bist wie die Politiker, die sind auch süchtig. Sie versuchen ständig, der Krise Herr zu werden und so zu tun, als hätten sie die Krise im Griff, aber sie werden in Wahrheit von ihr beherrscht. Sie bekämpfen die Schuldenberge mit immer größeren Schuldenbergen, so wie du auf deine Krisenbücher immer neue türmst!“

Als ich im Auto saß, lag auf dem Beifahrersitz noch das Buch: „Die Finanzkrise aus internationaler und österreichischer Sicht.“ So konnte es nicht weitergehen. Die Krise aus österreichischer Sicht? Geht’s noch? Wie süchtig muss man sein, um auch noch Krisenbücher aus österreichischer Sicht auf die anderen Krisenbücher zu türmen?

Ich fuhr am Kanzleramt vorbei und rief aus dem Fenster: „Nun ist aber mal Schluss!“ Dann hielt ich an und warf „Die Ökonomie von Gut und Böse“ über den Zaun in den Schnee.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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