Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Schokolade aus Niedersachsens Staatskanzlei

Dieser Text folgt dem Gebot der Stunde und ist ein Dokument lupenreiner Transparenz.

Oder es fordert ganz unterschwellig das Gegenteil ... Also: Vor einigen Jahren bekamen wir einen Brief aus der Staatskanzlei Niedersachsen vom Ministerpräsidenten, das heißt, meine damalige Freundin bekam den Brief. Dazu Schokolade in einem feinen Holzkästchen mit geschnitzten Motiven der Stadt Budapest; jene Freundin ist Ungarin, Schauspielerin, sie hatte gerade einen Film mit Dieter Wedel abgedreht, in dem auch der Ministerpräsident eine kleine Rolle hatte.

„Sehr hübsch!“, sagte ich zu meiner Freundin. „Hast du eigentlich irgendeine Ahnung, warum dir ausgerechnet der Ministerpräsident Schokolade schickt??“ – „Weil der Wedel mich so angeschrien hat, und dieser Präsident stand daneben, es tat ihm wohl leid. Ist doch nett!“, erklärte sie. – „Der Wedel schreit halt manchmal, das ist ganz normal! Da steckt viel mehr hinter der Schokolade!“, entgegnete ich.

„Dann antworte du ihm doch! Und sag danke!“, meinte die Freundin, allerdings konnte ich mir kaum vorstellen, dass der eine Antwort von mir wollte. – „Du, der ist gerade geschieden worden!“, erklärte ich. „Und warum bitte hat der Ministerpräsident nicht andere Dinge zu tun als Schauspielerinnen, die angeschrien wurden, Schokolade in Holzkästchen zu schicken?? Wir werden dem überhaupt nicht antworten, was soll denn das für ein Dialog werden?? Außerdem ist der von der CDU, die Schokolade rühre ich auch nicht an!“

Als wir uns trennten und die Wohnung auflösten, fand ich das Kästchen mit den Budapestmotiven wieder.

Die Schokolade war steinhart geworden, der Brief aus der Staatskanzlei lag immer noch unbeantwortet obenauf, und der Ministerpräsident war mittlerweile wieder verheiratet und von der Kanzlerin als Bundespräsident zur Wahl durch die Bundesversammlung bestimmt.

„Schau mal“, sagte ich traurig als wir die letzten Dinge aus der Wohnung in den Müllcontainer warfen. „Vielleicht hättest du First Lady werden können, wenn wir uns bedankt hätten?“ Sie lächelte müde.

Nun, fast zwei Jahre später, bin ich hin und her gerissen.

Natürlich war es eine nette Geste, einer Schauspielerin, die angeschrien wurde, Schokolade zu schicken. Ich finde es – mit Abstand betrachtet – sogar rührend und würde mich heute wirklich nachträglich bedanken, wenn ich denn wüsste, wer die Schokolade bezahlt hat?

Hat sie eventuell sogar dieser Glaeseker besorgt, das „Faktotum“ genannt? Und hat das Faktotum auch die Briefmarke draufgeklebt? Ja, und wer hat die Briefmarke bezahlt? Der Ministerpräsident privat? Oder der Steuerzahler? Mein Gott, wir diskutieren ja schon über irgendwelche aus Steuermitteln erworbenen Kochbücher, die auf einer Politikerparty verschenkt worden sind, und jetzt kommt auch noch die Briefmarke und die Schokolade dazu ... Aber so weit sind wir offenbar schon in dieser Republik.

Wenn einer Kassiererin gekündigt wird, weil sie einen Bon im Wert von 1,30 Euro unterschlagen hat, dann ist das wohl jetzt unser Niveau.

Also: Wenn ich irgendwann einmal ein hohes politisches Amt in diesem Land ausfüllen sollte und es käme heraus, ich hätte angeblich privat Schokolade aus der niedersächsischen Staatskanzlei verköstigt (verwulfft!), dann steht hier für alle Hohepriester der Boulevardpresse und der Staatsgerichtshöfe geschrieben: Nein, habe ich nicht, das war alles ganz anders! Und ich habe es sogar schonungslos offengelegt.

Für meine Ex-Freundin, den Bundespräsidenten und das höchste Amt tut mir diese Transparenz allerdings leid.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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