Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Sehnsucht nach Genscher

Das Würdevollste an der Bundesversammlung waren die Platzanweiser.

Der Mann im Frack, der mich zu meinem Sitz geleitet, schreitet wie ein britischer Butler durch den Reichstag. Unten im Plenarsaal stehen zwei Männer in schlecht sitzenden Anzügen mit knallgelben Krawatten am Rednerpult und lassen sich von einem dritten ablichten. „Lächeln!!“, ruft der Dritte. „Komm mal locker rüber am Pult, Uwe!“ Alle tragen Schilder mit „Wahlmann“, Uwe und seine Freunde sind von der FDP eingeladen worden, in 20 Minuten den Bundespräsidenten zu wählen. Ebenso als Wahlmänner sind von der CDU sehr viele Skiläufer und Kunstturner eingeladen worden, kein einziger Künstler bei der CDU und FDP, nur Skiläufer und Kunstturner wie Eberhard Gienger. Das Handy von diesem Rednerpult-Uwe klingelt und er schreit mitten im Plenarsaal: „Elke? Ich SMS dir das Wahlergebnis!“

Oben auf der Besucherebene telefonieren und SMSen sowieso alle. Rainald Goetz hat sich mit einigen Kameras ausgestattet und richtet seine Objekte in hektischer Beobachtungsgier auf das politische Berlin. Angela Merkel trägt Schwarz wie eine Witwe, setzt sich mit ihrem großen, aber kleinen Kandidaten neben Seehofer auf die hellblauen Stühle, die aussehen wie Jogi Löws Pullover gegen England, und tippt mit ihrer Stimmkarte auf dem Tisch herum. Merkels Kandidat sitzt auf seinem Stuhl wie Mario Gomez auf der Bank, er wird die Wahlgänge über eine Blässe ausstrahlen, so als dürfe er ganz am Ende nur zwei Minuten mitspielen. Bundestagspräsident Lammert hält zwischendurch mehrere gute Reden. (Hätte man nicht Lammert als Kandidaten nehmen können?)

Neben mir steht Hans-Dietrich Genscher auf, wankt die Tribüne hoch und nimmt den Fahrstuhl zur Plenarsaalebene. Ich folge Genscher, weil ich denke, der hat noch am ehesten die schöne, feierliche Haltung der Platzanweiser.

Auf dem Gang vor dem Plenarsaal sind ungefähr 30 Grad, circa 1000 Fernsehscheinwerfer. Schwitzende Moderatoren, schwitzende Reporter, schwitzende Politiker. Alle reden, SMSen, telefonieren, mailen, twittern, senden. Gibt es einen dritten Wahlgang? Erleben wir etwas Historisches? Redet Gabriel oben in der Kuppel mit der Linken? Ich fahre mit dem Fahrstuhl auf die Fraktionsebene: SMSen! Mailen! Telefonieren! Senden! Twittern! Journalisten laufen umher, fahren rauf und runter Fahrstuhl und sammeln O-Töne von Politikern; Politiker laufen umher, fahren auch rauf und runter Fahrstuhl und sammeln Journalisten für ihre O-Töne, dabei tun die meisten so, als seien sie eilig unterwegs, aber in Wahrheit würden sie am liebsten in die Mikrofone hineinlaufen. Martina Gedeck, die schöne Wahlfrau für die Grünen, schreitet wie die heilige Johanna der Bundesversammlung zu einem ARD-Mikro und sagt, sie habe nicht getwittert, (angeblich habe sie, wie behauptet wird, voreilige Wahlergebnisse nach draußen getwittert). Westerwelle spricht in ein Büschel aus Mikrofonen und sagt, die FDP stehe geschlossen hinter ihrem Kandidaten.

Ich sehne mich nach Genscher, sehe aber nur Gienger und die Wintersportler der CDU, die auch interviewt werden.

35 Grad. Ein SPD-Wahlmann fällt um und wird aus der Bundesversammlung ins Bundeswehrkrankenhaus gebracht. Goetz sitzt immer noch auf der Tribüne und macht seine ungefähr 1244. Aufnahme von Angela Merkel.

40 Grad. Und es gibt nichts zu trinken. Nur Twittern. Fahrstuhlfahren. Und ein kleiner hübscher Aufstand von Kindern, die ihrer schwarzen Mama Merkel zweimal keck entlaufen und beim dritten Mal brav wiederkommen.

Hier schreiben abwechselnd Elena Senft, Jens Mühling, Christine Lemke-Matwey und Moritz Rinke.

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