Zeitung Heute : Moritzplatz: Neue Hoffnung für die Brache

Harald Olkus

Auf einem alten Foto vom Moritzplatz aus dem Jahr 1914 konnten die Passanten noch zu Fuß über den Platz gehen ohne Gefahr zu laufen, überfahren zu werden. Kutschen und Trambahnen kreuzten sich in der Mitte und dort, wo heute auf einer staubigen Brachfläche an den Wochenenden ein Trödelmarkt stattfindet, stand ein großes Wertheim Warenhaus, dessen Ruine in den fünfziger Jahren abgerissen wurde. Bis zum zweiten Weltkrieg war die Oranienstraße eine beliebte Einkaufsstraße, in der mehr Umsatz gemacht worden sein soll als am Kurfürstendamm. Zwischen Heinrich- und Oranienplatz ist die Straße auch heute noch lebendig. Bis hin zum Moritzplatz verirrt sich allerdings kaum ein Fußgänger, höchstens vielleicht, wenn er zur U-Bahn will. Der Platz mit der öden Mittelinsel wird völlig vom Autoverkehr beherrscht.

Am brausenden Kreisverkehr wird sich wohl auch künftig nichts ändern. Denn der Moritzplatz ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in alle Richtungen. Doch auf der Brachfläche des Wertheim-Warenhauses soll gebaut werden. "Ein polnischer Investor will dort ein Handelszentrum für Firmen aus Osteuropa errichten", sagt Kreuzbergs Baustadtrat Matthias Stefke. Näheres über den Investor und das Bauprojekt könne mit Rücksicht auf laufende Verhandlungen allerdings nicht genannt werden, sagt der Pressesprecher der Senatsfinanzverwaltung, Klaus Dittko. "Der Bezirk Kreuzberg und verschiedene Senatsverwaltungen stehen derzeit noch in Abstimmung."

Bereits Anfang der 80er Jahre wollte ein süddeutscher Investor die Brache bebauen. Es sollte ein Vorzeigeobjekt ökologischen Bauens werden, mit viel Grün, einer Solaranlage auf dem Dach und einem Teich im Innenhof. Doch der Investor hatte sich mit dem Projekt offensichtlich zu viel aufgebürdet. Er soll dem Bezirk auch den Erbbaupachtzins für das Grundstück schuldig geblieben sein. Erst nach langwierigem Rechtsstreit konnte der Bezirk das "Heimfallrecht" durchsetzen und das Gelände wieder zurückbekommen. Ein solches Risiko wollen die Kreuzberger nicht mehr eingehen. Diesmal soll das Grundstück verkauft werden. "Der Investor muss jetzt ein schlüssiges Nutzungskonzept vorlegen und Mietinteressenten für sein Handelszentrum nachweisen", sagt Kreuzbergs Baustadtrat. Bezirk und Senat hoffen, dass die Verhandlungen "möglichst bald über die Bühne gehen". Denn das Handelszentrum würde den Platz eindeutig aufwerten, glaubt Matthias Stefke. Weitere Interessenten für das Grundstück gibt es bislang nicht.

Vom Moritzplatz in die Kantstraße

Eine Aufwertung für die Verkehrskreuzung an der Grenze zum Bezirk Mitte wäre auch aus Sicht der Anrainer des Moritzplatzes dringend notwendig. Die Firma Gillwald errichtete vor einigen Jahren an der Ecke Oranienstraße und Prinzenstraße ein Bürohaus, hat aber nicht immer all ihre Flächen vermietet. Und auch schräg gegenüber auf der anderen Seite des Platzes sieht es nicht besser aus. Das Kreuzberger Traditionsunternehmen Bechstein gab vor einem Jahr seinen Stammsitz am Moritzplatz auf und zog mit Schauraum und Management ins stilwerk an der Kantstraße. Die Klavier- und Pianofabrikation hatte das Unternehmen schon zuvor ins sächsische Seiferhennersdorf verlegt. In Kreuzberg blieb lediglich ein Teil der Endfertigung und die Reparatur von Tasteninstrumenten. In den frei gewordenen Räume im Bechstein-Haus ließ sich dann die Elektronikfirma Visolux nieder - unter nicht ganz unumstrittenen Umständen. Der mittlerweile abgewählte Kreuzberger Finanzstadtrat Wulf-Jürgen Peter hatte der Firma wohl weitreichende Mietnachlässe gewährt, wenn sie in das bezirkseigene Haus am Moritzplatz zieht, statt wie geplant nach Brandenburg.

Aufenthaltsqualität gesucht

Der einzige Lichtblick am Platz ist das vor drei Jahren eröffnete "Karl-Philipp-Moritz-Haus". Der Neubau mit einer großen Solarstrom-Anlage auf dem Dach beherbergt ein Ökozentrum, Läden und Restaurants im Erdgeschoss sowie Büros, Arztpraxen und Wohnungen. Der Hausherr, die "Atlantis Forum e.V." hat sich auf die Konzeption und den Bau von Solardächern spezialisiert. Eng damit zusammen hängt der zweite Schwerpunkt des Vereins, die Weiterbildung arbeitsloser Akademiker und Ingenieure in ökologischen Berufen. Doch das reicht bei weitem nicht, den Moritzplatz nachhaltig zu beleben. Erst eine Bebauung der als "Schlüsselgrundstück" des Platzes angesehenen, 5500 Quadratmeter großen ehemaligen Wertheim-Fläche könnte am Mauerblümchen-Dasein des Moritzplatzes etwas ändern. Den Geschäften der Händler und Dienstleister rund um den Moritzplatz würde ein Anziehungspunkt, wie er das Kaufhaus vor dem zweiten Weltkrieg war, gut tun. Dann hätte der Moritzplatz die Chance, trotz starken Verkehrs wieder so etwas wie Aufenthaltsqualität zu bekommen. Vielleicht lässt sich der polnische Investor auch überzeugen, für eine Neugestaltung der öden Mittelinsel inmitten des Kreisverkehrs aufzukommen, hofft der Baustadtrat.

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